Der Verein Villa Decius ist eine gemeinnützige Kulturorganisation, die 1995 gegründet wurde, um den Dialog zwischen europäischen Intellektuellen zu fördern und die Ideale demokratischen Denkens und der Integration voranzutreiben. Hierbei liegt ein spezieller Schwerpunkt auf Mittel- und Osteuropa. Die Programmarbeit des Vereins Villa Decius gilt der Rolle des Künstlers im gesellschaftlichen Dialog, dem Schutz des kulturellen Erbes, Anliegen ethnischer Minderheiten und der Toleranzförderung. Seit 1998 bietet die Villa Decius europäischen Schriftstellern, Literaturkritikern und Übersetzern auch längere Stipendien an.
Im Jahr 1996 geschahen drei Ereignisse, die mein Leben mehr oder weniger verändern sollten. Erstens wurde in Stockholm die polnische Lyrikerin Wisława Szymborska mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Zweitens wurde in Krakau die Villa Decius (poln. Willa Decjusza) nach einem 102-jährigen Dornröschenschlaf aus ihrem Koma der Zweckentfremdung (u. a. Gestapo-Zentrale und Tuberkulose-Spital) geküsst, und drittens wurde mir in Leipzig mein erstes Polenstipendium gewährt. Von meinem zweiten Aufenthaltsstipendium, das mich 2002 endlich nach Krakau führen sollte, ahnte ich damals noch nichts, und von der Villa hatte ich natürlich auch keinen blassen Schimmer. Sicher kannte ich Frau Szymborska, nur gelesen hatte ich leider noch nichts von ihr.
Als ich dann im September 2001 meine Zusage für mein Krakau-Stipendium bekam, hüpfte ich durchs Zimmer und jubilierte: „Hurra, hurra ich fahre in die Villa.” Immer wenn mich jemand am Deutschen Literaturinstitut fragte, wo ich denn hinfahre, entgegnete ich: "nach Krakau in die Villa äähhh, ach ja Dedecius." Erst später bekam ich meinen Irrtum mit, der eigentlich keiner ist. In seinen Erinnerungen "Ein Europäer aus Lodz" beschreibt Karl Dedecius nämlich eine Anekdote, die zu schön ist, um sie hier auszulassen. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fuhren Szymborska und er ins "Grüne". Ihr Ziel war ein ruinöses Renaissancepalais, das nur sechs Kilometer nordwestwärts vom Zentrum lag und in dessen muffigem Halbdunkel Schwerkranke husteten. Der Chefärztin des Spitals stellte Szymborska ihren Übersetzer und Begleiter als Nachfahren von Justus Decius vor, dem ersten Besitzer der Villa: als "Herrn Karl de Decius." Dedecius fragte in seinen Memoiren: "Was könnte Szymborska, abgesehen von dem Scherz, noch gemeint haben? Ihre Anspielung habe ich mit der Zeit zu verstehen gelernt. Nein, ein Vorfahre von mir war dieser Decius nicht [...]; dennoch wurde sein Name immer häufiger mit dem meinen assoziiert."
Dedecius oder Decius? Wer ist mir lieber? Justus Decius schenkte uns ein herrliches Fleckchen Erde. Karl Dedecius Zugang zu einer anderen (literarischen) Welt. Wir, Polen und Deutsche, haben diesem großen Übersetzer einiges zu verdanken: Das Deutsche Polen-Institut, die Villa Decius, (indirekt) den "Karl-Dedecius-Übersetzer-Preis" und natürlich die unzähligen wunderbaren Nachdichtungen aus dem Polnischen. Es ist schwer abzuwägen, welche Idee oder Initiative bedeutender ist.
Das Schönste, was mir passieren konnte, war sicherlich (de) Decius’ Engagement, ein architektonisches Kleinod aus dem 16. Jahrhundert nicht nur wieder instand setzen zu lassen, sondern es auch als Ort der Begegnung und Muße zur Verfügung zu stellen. Rund ein Hundert Autoren und Künstler, die seit 1996 zwischen drei und sechs Monaten in der Villa "ver-leben" durften, sind wohl einhellig derselben Meinung.
Ich habe mich in meiner Villa-Zeit immer ein wenig wie in Italien gefühlt, dazu muss ich gestehen, dass ich erst im letzten Jahr eine Italienreise unternommen habe – und ziemlich enttäuscht war. Vergeblich wartete ich in Florenz auf dieses Dolce-Vita-Gefühl, dass ich aus der Villa kannte. Es verwunderte mich nicht, als ich später über die Villa lesen sollte, dass sich drei italienische Architekten vorgenommen hatten, ein Paradies auf Erden (ital. Paradis Terrestre) auf der Wola Justowska zu schaffen. Es ist ihnen und ihren späteren Kollegen vom Fach im Nachhinein geglückt. Nicht jedem ist so viel Schönheit, Ruhe und Behaglichkeit geheuer. Als mich Juli Zeh im Sommer 2002 besuchte, musste ich mit ihr schnurstracks in das hässliche Nowa Huta fahren. Juli flüchtete zwar nach drei Tagen wieder, kam aber 2004 als Stipendiatin zurück. Wie oft sie in dieser Zeit nach Nowa Huta gefahren ist, das weiß ich allerdings nicht, und ich habe sie auch nie danach gefragt.
Paul-Richard Gromnitza












Wisława Szymborska und Karl Dedecius