Das Thomas-Mann-Kulturzentrum (TMK) wurde im Jahr 1995 gegründet. Es ist eine aus Drittmitteln finanzierte öffentliche Einrichtung, die von einem internationalen Kuratorium geleitet wird. Ihre Gründer sind das litauische Kulturministerium, die Universität Klaipėda und die Stadtverwaltung Neringa. Die Arbeit des TMK steht ganz im Zeichen europäischen Denkens. In der multiethnischen Region der litauischen Ostseeküste gelegen, bietet es all denen ein Forum, die sich über die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Kulturen austauschen möchten. Dabei stehen immer die persönliche Begegnung und das offene Wort im Vordergrund. Als unabhängig denkender Intellektueller ist Thomas Mann Schirmherr unseres Programms und symbolischer Gastgeber bei unseren Veranstaltungen in seinem Sommerhaus in Nidden.
Wahrscheinlich ist gerade Sommer, wenn Sie das erste Mal die Fähre von Klaipėda zur Kurischen Nehrung nehmen. Nach nur zehn Minuten auf dem Wasser haben Sie die Kurische Nehrung bereits erreicht.
Ein kräftiger Wind spielt mit Ihrem Haar, das Wasser der Lagune glitzert in der Sonne. Die dauerhungrigen Möwen rücken Ihnen auf die Pelle und drängen Ihnen ein Gespräch in einer fremden Sprache auf. Auch wenn man ihre Sprache nicht versteht, liegt klar auf der Hand, was sie von Ihnen wollen. Wenn Sie kein Brot in der Tasche haben, verlieren die Vögel schnell das Interesse. Je näher Sie der Kurischen Nehrung kommen, umso stärker können Sie die Pinien auf der Nehrung riechen. Dieser Duft beruhigt Sie, Frieden liegt in der Luft. Sie sind ungeduldig und spüren, dass jeden Augenblick etwas ganz Besonderes geschehen kann...
Höchstwahrscheinlich besuchen Sie zuerst Nidden – die größte und jüngste Siedlung gehört zum Gebiet der Gemeinde Neringa und ist auf der Litauischen Seite der Kurischen Nehrung gelegen, einem schmalen, 50 Kilometer langen Landstreifen. Die restlichen 50 Kilometer der Nehrung liegen jenseits der Grenze.
Wahrscheinlich werden Sie zu den Dünen spazieren wollen, Sie gehen durch den Wald und gelangen an die Ostsee. In der Stadt sehen Sie sich bestimmt die alten Fischerhäuser an oder die alten Monumente, die es hier gibt, so genannte "Krikštai", und Sie bewundern die farbenfrohen Wetterfahnen. Wenn Sie dann an der Lagune entlangschlendern, besuchen Sie auch das Sommerhaus von Thomas Mann. Hetzen Sie nicht, nehmen Sie sich die Zeit und gehen Sie langsam. Die Kurische Nehrung ist ein heiliger Ort. Der Wind, das Meer und der Sand, diese drei Elemente, haben hier einen ganz besonderen Platz geschaffen, an dem der Mensch nur Gast ist. Doch überaus großzügig wird jeder einzelne Gast mit der Schönheit der Dünen bewirtet, mit der Meeresfrische, dem Duft des Waldes, mit Gaben, die man nie mehr vergisst. Wieder und wieder verlangt es Sie zurück an diesen Ort, um die Energie der Natur zu spüren – und einmal mehr glücklich zu sein.
Thomas Mann besuchte Nidden zum ersten Mal im Jahre 1929. In Erinnerung an diesen Ausflug schrieb er: "Wir verbrachten einige Tage in Nidden... und waren so erfüllt von der unbeschreiblichen Eigenartigkeit und Schönheit dieser Landschaft, daß wir beschlossen, in dieser fernen Gegend ein Sommerhaus errichten zu lassen". Nach einem Jahr stand auf dem Schwiegermutterberg ein Sommerhaus, nach Niddener Bauweise errichtet von dem Architekten Herbert Reissmann: ein neuer Ort für die Erholung und die Arbeit des Nobelpreisträgers.
Am 16. Juli 1930 betraten Thomas Mann und seine Familie zum ersten Mal das Sommerhaus in Nidden. Der Traum des Schriftstellers, ein Sommerhaus an der Ostsee zu besitzen, ging in Erfüllung: an "einer Ostsee, wie ich sie noch gar nicht kannte. Auch hier haben Meer und Strand einen primitiven, elementaren Charakter". Thomas Mann verbrachte drei Sommer in Nidden (von 1930 bis 1932). Hier schrieb er "Joseph und seine Brüder", einige Essays und verfasste zahlreiche Briefe.
Mit Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 waren Thomas Mann und seine Familie gezwungen Deutschland zu verlassen. 1939 – nach dem Anschluss des Memelgebietes durch die Deutschen – ging das Sommerhaus des Autors in den Staatsbesitz über und wurde zum Jagdhaus Hermann Görings.
Nach dem Krieg befand sich das Haus in einem erbärmlichen Zustand, ohne Fenster und Türen. Es sollte abgerissen werden. Wahrscheinlich geht seine Rettung auf ein Treffen zwischen dem Autor Antanas Venclova und Thomas Mann in Weimar im Jahr 1955 zurück. Der Sommersitz wurde von 1965–1967 restauriert und mit einer Gedenkausstellung und einer Bibliothek eingerichtet. In den Jahren 1995/96 folgte die vierte, mit Mitteln der deutschen Bundesregierung und der litauischen Regierung finanzierte Rekonstruktion, wobei die Zimmer sowie die Terrasse originalgetreu renoviert wurden. 1996 wurde das Haus offiziell zu einem Museum ernannt und eine neue Gedenkausstellung eingerichtet. Und seit 1995 arbeitet im Sommerhaus auch das Thomas-Mann-Kulturzentrum, das hier regelmäßig internationale Treffen, Konferenzen und Seminare veranstaltet.
Živilė Etevičiūtė & Vitalija Jonušienė












