Auf Deutschlands nördlichster Insel ist auf dem Gelände eines malerisch gelegenen Mineralwasserbrunnens ein besonderer Ort entstanden: der kunst:raum sylt quelle. Er ist eine bundesweit einmalige Begegnungsstätte von Künstlern und Künstlerinnen aller Sparten und vieler Nationen, die hier, zwischen Dünen und Watt, miteinander und mit ihrem Publikum ins Gespräch kommen – und die Zeit nutzen zum Nachdenken, Verwirklichen, Entwickeln, Entspannen. Die Stiftung wurde 2002 von der Literaturwissenschaftlerin Indra Wussow gegründet und ist der Tradition der Künstlerinsel Sylt verpflichtet.
Hier ist alles anders. Jeder wird auf Sylt aus dem Vertrauten und dem Trott geholt. Jeder sieht, hört, riecht etwas, das er nicht kennt. Ein überschaubares Dorf statt der wirren Stadt. Das vom Wasser begrenzte Terrain statt des endlos wuchernden Ballungsgebietes. Der weite, verstörende Himmel statt des bergenden Mittelgebirgswaldes. Dazu Wind, Licht, Luft, deren Besonderheiten Wissenschaftler seit Jahrzehnten mit nur mäßigem Erfolg zu erforschen versuchen. Was spätestens dann an seine Grenzen stößt, wenn die unterschiedliche Wirkung dieser gewaltigen Faktoren auf zwei verschiedene Menschlein erklärt werden soll. Viel zu viele Variablen.
Immer aber wirkt etwas in all den Schreibern, Musikern, Malern, Filmern, die Stifterin Indra Wussow nach Rantum auf Sylt einlädt. Die Eine diskutiert nächtelang mit den Anderen über Gott, die Welt und alles Weitere. Der Zweite schließt sich wochenlang ein in seinem Appartement. Der Dritte und die Vierte tun sich zusammen zu einem Projekt, dessen Ergebnisse ein paar Monate später in der Galerie des kunst:raum sylt quelle ausgestellt werden. Ein inspirierender Ort, und ein freier. Literaturwissenschaftlerin Indra Wussow ist Intendantin, Kuratorin, Gastgeberin, Vermittlerin in dieser einzigartigen Konstruktion, die sich sträubt gegen simple Etikettierungen. Die fünf Wohnungen für Stipendiaten auf dem Gelände des Mineralbrunnens Sylt-Quelle sind zu jeder Jahreszeit mit insgesamt etwa 50 Künstlern belegt.
Seit etwa 130 Jahren gilt Sylt als Treffpunkt für Menschen des Wortes, der Bühne und des Bildes, also schon viel länger, als es die immerzu wiederholten und längst schiefen Klischees von der Schicki-Micki-Insel gibt. Die ersten Maler kamen allerdings als Badegäste und zeigten sich von provinzieller Unterbringung und karger Landschaft eher abgeschreckt als inspiriert. Das änderte sich mit der Mode der Freilichtmalerei in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. In den darauf folgenden Jahren wurde besonders das Dorf Kampen zum beliebten Ziel ganzer künstlerischer Freundeskreise. Stark vertreten waren die Verleger: Ferdinand Avenarius, Siegfried Jacobsohn, Ernst Rowohlt kamen, sie zogen Dichter nach, Musiker – und alle anderen auch. In den zwanziger Jahren traf man halb Berlin zum Beispiel bei Wirtin Clara Tiedemann in Haus Kliffende. Thomas Mann schrieb bedeutende Worte ins Gästebuch, der Dirigent Erich Kleiber saß am Klavier, Emil Nolde verbrachte einen Sommer in Kampen, während sein Haus in Seebüll renoviert wurde.
Einen oder mehrere Sommer lang war man auf Sylt, den dunklen und harten Winter verbrachte man lieber inmitten großstädtischer Annehmlichkeiten. Dabei wissen Freunde der Insel gerade die stille Zeit zu schätzen. Wer heute für ein Jahr Inselschreiber wird, also das prominenteste Stipendium der Stiftung gewinnt, soll daher nach Möglichkeit seinen Aufenthalt teilen zwischen Sommer und Winter. Das ist klug, denn zu Ostern verkleidet sich Sylt und legt die Gucci-Sonnenbrille erst nach den Herbstferien wieder ab. Der kunst:raum sylt quelle wird dann in stärkerem Maße zum öffentlichen Ort als außerhalb der Saison. Den Hof zwischen Halle, Stipendiatenhaus und dem gläsernen Quellenpavillon erobern sonnenhungrige und kaffeedurstige Bistro-Gäste. Die Produktionshalle ist "Großes Haus" für Theater, Lesungen, Konzerte und die Vorträge des Wissenschaftssommers. Im oberen Stockwerk des Quellenhauses werden Bilder, Skulpturen, Installationen gezeigt.
Meist haben all diese Werke keinen oder nur sehr losen Bezug zur Insel Sylt; die Stipendiaten sind frei in ihrer Themenwahl. Inmitten der vielfältigen Netze, die zwischen den Freunden des kunst:raum sylt quelle entstanden sind und weiter gewoben werden, ist aber ab und zu auch die einsame oder gemeinsame Auseinandersetzung mit dem besonderen Ort zu erkennen. Subtil als Einfluss des Lichtes in einem Bild oder als Klangsample in einer Komposition, expliziter in Hartmut Andryczuks Arbeiten zu Sylts militärischer Vergangenheit oder Judith Kuckarts Projekt über die Tänzerin und Kabarettistin Valeska Gert, die von 1951 bis zu ihrem Tod 1978 in Kampen lebte.
Kornelia Roßkothen













