Santa Maddalena Stiftung

Baronessa Beatrice Monti della Corte Rezzori

Santa Maddalena 50060

Donnini (FI)

Italien

»Was Beatrice Rezzori hier in Santa Maddalena geschaffen hat, ist selten, wertvoll und großartig. Es ist auch ein andauernder Akt tiefer Großzügigkeit. Ich werde für immer dankbar sein. «

Die Santa Maddalena Stiftung für Schriftsteller und Botaniker wurde zu Ehren des großen Romanciers und Memoirenschreibers Gregor von Rezzori eingerichtet. Das Ziel der Stiftung ist es, für Schriftsteller und Botaniker einen Rückzugsort zu bieten, in dem man frei und unbeschwert arbeiten kann. Zu jeder Jahreszeit gibt es je vier Aufenthaltsstipendien. Die Stiftung legt besonderes Augenmerk auf Autoren von Belletristik, Sachbüchern, Gedichten und Drehbüchern – und Schriftstellern, die sich mit der Welt der Natur auseinandersetzen.


Zum ersten Mal kam ich nach Santa Maddalena, als ich erst dreiundzwanzig Jahre alt war – ein Stadtkind, kaum schon eine Erwachsene – und alles war neu: die Konstellationen der Glühwürmchen, das Fresko an der Badezimmerwand, ein Swimmingpool mit frischem Flusswasser darin, kluge Unterhaltungen mit klugen Menschen, ausgeführt in vielen Sprachen, an einem Tisch unter freiem Himmel, über uns der große, wachsame Mond. All das war neu und wunderbar für mich. Aber ich nahm zuerst an, dass Santa Maddalena selbst eine alte, berühmte Einrichtung von jahrelangem Bestand sein müsse, ein vertrautes Kleinod in der Krone des kulturellen Lebens in der Toskana. Ich hatte keine Ahnung, dass es erst im Jahr zuvor seine Türen für Schriftsteller geöffnet hatte. Die Liste vorheriger Besucher schien bereits zu lang und spektakulär, sie umfasste Pulitzer- und Booker-Preisträger, da waren Franzosen, Inder, Spanier, Iren, Afrikaner. Es gab bereits mehrere Romane und Gedichte, die die Baronessa als Figur übernommen oder ihren kleinen Mops, Alice, als Nebenfigur eingeschmuggelt hatten. Wie hatte man dies in nur einem Jahr tun können?

Zwei Worte: Beatrice Monti. Oder in sieben: Baronessa Beatrice Monti della Corte von Rezzori.

Die Baronessa ist eine ungeduldige Frau. Sie hat nicht die Zeit, darauf zu warten, dass sich Traditionen von selbst entwickeln. Alles muss sofort passieren. Es kann keine "mageren Jahre" geben, oder Zeiten, in denen man sich mit Verwirrung herumschlägt. Wenn sie die Renaissance organisiert hätte, hätte sie das Ding in fünf statt hundert Jahren aus der Taufe gehoben. So ist es auch mit Santa Maddalena. Seit dem Tag seiner Gründung ist es berühmt; seine Gäste waren immer von höchster Qualität; Schriftsteller, die wieder gingen, empfahlen ihren Schriftstellerkollegen einen Besuch. Mit unfassbarer Geschwindigkeit fand man sich in der Situation wieder, über den Rückzugsort Santa Maddalena in New York, Paris, London und Berlin sprechen zu können und zu sehen, wie sich andere Schriftsteller an einen heranschlichen, um dann mit betont lässigem Gesicht nachzuforschen, wie sie auch eine Einladung erhalten könnten. Die Antwort ist einfach: der Baronessa schreiben, sein Buch hinschicken, und sehen was passiert. So beschieden wird der forschende Schriftsteller nervös: Werden sie Gefallen daran finden? Die Antwort darauf ist wieder einfach. Santa Maddalena ist nichts für jeden. Man muss es formlos mögen. Man muss die sechs Varianten toskanischen Tratsches mögen: örtlich, politisch, sexuell, persönlich, niederträchtig und intellektuell. Man muss Hunde mögen, ob klein, mittel oder riesig. Man muss auf den angenehmen englischen Traum eines gebratenen Frühstücks verzichten. Es hilft, wenn man gern schwimmt und Kohlenhydrate isst, und der Realität der Moskitoplage mit stoischer Geisteshaltung begegnet. Am wichtigsten ist es, andere Schriftsteller zu mögen. Man muss sie an ihren guten und schlechten Tagen mögen, wenn sie zweitausend Worte geschrieben haben, und wenn sie überhaupt nichts geschrieben haben. Man muss dem Mann einen großzügigen Schluck Grappa einschenken, der seine E-Mails gelesen und herausgefunden hat, dass sein schlimmster Feind den Nobelpreis erhalten hat. Man darf nicht einschreiten, wenn man den letzten Gewinner des Prix de Goncourt im knappen Badehöschen sieht.

Es ist wundervoll mitanzusehen, wenn eine Tradition geboren wird, zu fühlen, dass man Teil von etwas ist, das täglich sein eigenes Vermächtnis erschafft, in Geschichten und Erinnerungen und natürlich in Büchern. Es wird in zukünftigen Jahren die Aufgabe eines Wissenschaftlers sein, das blasse Wasserzeichen Santa Maddalenas durch die Seiten so vieler verschiedener Schriftsteller leuchten zu sehen – eine Eidechse auf Seite 65, ein Hund auf Seite 32, ein hübsches Mädchen aus Donnini, das leicht durch Kapitel drei tänzelt, um in Kapitel vier als unsere Heldin anzukommen. Santa Maddalena holt Schriftsteller aus sich selbst heraus, aus ihren Gewohnheiten und Geschmäckern, ihrer Bibliotheken, ihrer Städte, ihrer Literaturparties und sogar ihres Rufs. Es lässt sie in einem toskanischen Tal stranden, wo ihre einzig unterscheidbare Eigenschaft ihr Talent ist, und was sie damit fähig sind zu tun, wenn niemand da ist, um sie abzulenken.

Was für ein Ort ist Santa Maddalena? Ein hehres Vorhaben, ein gutmütiger Einfall, eine wichtige Willenseinigung, und eine dekadente Hausliteraturparty. All diese Dinge ist es. Vor allem aber ist es ein Ort, an dem gearbeitet wird.

Zadie Smith