Logvinov Verlag

Ms. Volja Hapeyeva

c/o Igor Logvinov

Niezalezhnasci Ave, 19-5

Minsk 220050

Belarus

Tel. +375 (0)29 3749186

Der Logvinov Verlag wurde im Jahr 2000 gegründet und ist auf die Veröffentlichung zeitgenössischer belarussischer Literatur spezialisiert, aber auch auf die Übersetzung fremdsprachiger Belletristik ins Belarussische und Literatur aus den verschiedenen Bereichen der Geisteswissenschaften.

Heute ist es ein einzigartiges Literatur- und Übersetzerzentrum, das in Belarus beispiellos ist. Die Institution vereint die besten Vertreter des zeitgenössischen literarischen Prozesses: Dichter, Schriftsteller, Dramaturgen, Übersetzer, Essayisten, Philosophen, Kulturwissenschaftler etc. Unsere Organisation berücksichtigt neue Strömungen in der Präsentation eines literarischen Texts, und sucht nach neuen Formen verbaler Textpräsentation, indem visuelle, akustische und andere Formate genutzt werden. So wird eine gewisse kreative Infrastruktur geschaffen, die Autoren verschiedener Generationen und künstlerischer Ansätze die Möglichkeit gibt, einen Dialog zu fügen und sowohl von einem heimischen als auch einem ausländischen Publikum gehört zu werden.


Beim ersten Besuch in Minsk kann ein Europäer nicht anders, als vom merkwürdigen aber dennoch unwiderstehlichen Charme der Stadt fasziniert zu sein. Dem Touristen fällt die imperiale Stadtästhetik auf, ein für Europa seltenes Phänomen. Breite Straßen und Alleen, viele Paläste, die mit etwas sonderbaren, aber verschwenderischen Verzierungen geschmückt sind, und zahllose weite Parkanlagen im Stadtzentrum stellen für europäische Städte einen Luxus dar, der sich nur die sehr Reichen und Aristokratischen leisten konnten. Trotz seiner monumentalen Form wirkt Minsk aber nicht völlig kalt, feindselig oder alles beherrschend, sondern ist von einer zarten Atmosphäre von provinzieller Sentimentalität durchwebt. In der europäischen Architektur könnte es nichts Ungewöhnlicheres geben als einen sentimentalen Imperialstil. Imperiale Stadträume, die das Individuum per definitionem auf Abstand halten sollen, werden in Minsk plötzlich aufgerissen, um den Menschen nahe und angemessen zu werden. Wie in Lewis Carroll’s Wunderland schrumpfen mächtige architektonische Strukturen zu der Größe eines Puppenhauses zusammen, um dann wieder zu elefantösen Dimensionen aufzuschießen. Die Szenerie ändert sich unentwegt. Ein prächtiger, großartig verzierter Bogengang fürt einen in einen heruntergekommenen Hinterhof, gesäumt von winzig kleinen Bretterbuden statt Balkonen als einzigen Schmuck der unverputzten Wände. Zweihundert Meter weiter – ein monumentaler Bogengang weiter fürt einen aus diesem Fest des Elends hinaus in ein anderes großes Karree, wo ein Marsch gigantischer korinthischer Säulen das Pflaster entlangzieht und Passanten wie Liliputaner aussehen lässt. Indem der Rhythmus, die Ästhetik, die psychologische Stimmung ständig wechselt, erzeugt der Stadtraum eine Fülle von irrationalen und unlogischen Bereichen, die an Franz Kafka, Elias Canetti oder Daniil Kharms erinnern und einem sogar das Gefühl geben, man sei eine Figur aus ihren Büchern.

Was kann für einen Schriftsteller oder Dichter interessanter und faszinierender sein, als eine Zeitlang in der Sonnenstadt der Träume zu leben und zu arbeiten, die sich von jeder anderen Stadt grundlegend unterscheidet? Es ist genau diese merkwürdige, aber wunderbare und große Szenerie, die nach dem großen Auftritt des "Aufbaus einer Gesellschaft allgemeinen Glücks" geblieben ist.
Jeder Staat hat sein Wappen, seine Hymne und seine Flagge als Symbole. Ebenso hat jede soziale Utopie ihre Ideale Stadt zum Symbol. Die Ideale Stadt soll die Ästhetik des Glücks darstellen, die von den Gründern der Utopie erdacht worden ist. Im Arbeiter- und Bauernstaat verband man die Ästhetik des Glücks mit alldem, um das die unterdrückten Klassen gebracht worden waren. Ihre Idee eines wunderbaren Lebens und Wohlergebens setzte voraus, dass eine Person der kommunistischen Zukunft in prächtigen Palästen mit schönen Parks, Springbrunnen und perfekten Statuen leben sollte statt in Slums. Dies sollte die Schönheit eines harmonischen Menschen der kommunistischen Zukunft darstellen. Die Paläste sollten durch breite Straßen miteinander verbunden sein, umsäumt von grünen Bäumen und exotischen Blumen. Die Ideale Stadt sollte in ihren Zentren große Plätze haben, wo glückliche Bürger zu spannenden Feiern und Paraden zusammenkommen sollten. Es ist eben dieses Konzept der Sonnenstadt der Träume, das in Minsks Nachkriegs-Reinkarnation verwirklicht worden ist.

Artur Klinau