Der 1989 gegründete Verein Literaturhaus Schleswig-Holstein fungiert einerseits als Literaturhaus in der Landeshauptstadt Kiel und andererseits als literarisches Netzwerk und Literaturbüro für das gesamte Bundesland. Kontinuierliche Veranstaltungen im eigenen Haus präsentieren neue deutschsprachige Literatur ebenso wie fremdsprachige Autoren vor allem aus den Ostseeanrainerländern. Ein Programm für Kinder und Jugendliche ergänzt das Angebot. Mit Blick auf Schleswig-Holstein richtet das Literaturhaus den Literatursommer mit jährlich wechselndem Länderschwerpunkt, das "Europäische Festival des Debütromans" und die ausschließlich der Lyrik gewidmete "Liliencron-Dozentur" aus und bietet literarisch Arbeitenden Beratung, Fortbildung sowie eine LeseBühne für neue Manuskripte an. Das Literaturhaus Schleswig-Holstein wird weitgehend aus Landesmitteln gefördert. Dazu kommen feste und wechselnde Kooperationen und Förderungen zur Sicherung der Projektarbeit.
Schleswig-Holstein, das nördlichste Bundesland der Bundesrepublik Deutschland, versteht sich als "Land zwischen den Meeren", das mit dem Nord-Ostsee-Kanal die Meere verbindet, und zugleich als Grenzland zwischen Skandinavien und Mitteleuropa, das auch in dieser Hinsicht durch seinen Landesteil Schleswig mit seinem Pendant Nordschleswig auf dänischer Seite und durch seine Fährverbindungen von Kiel nach Oslo und Göteburg eine Brücke schlägt. So unterschiedlich wie Salzgehalt und Wellenschlag der beiden Meere ist auch die Landschaft, wie sie Günter Kunert in seinem Gedicht Bei Itzehoe verdichtet. Da
liegen tröstliche Flächen
zwischen Meer und Meer
Sumpf und Marsch
Nässe und Nichts
Jeder Schritt
führt in die Stille
durchsetzt von kleineren Städten
die sich ihr beugen
Hier
sind die bergenden Nebel zuhaus
und die Wikinger seit langem
archiviert
Und, so möchte man dem Bild hinzufügen, im Mai und Juni strahlen diese tröstlichen Flächen dann in Rapsgelb unter klarem blauem Himmel.
So unterschiedlich wie die Landschaft sind auch die Schriftsteller, die wie Günther Kunert, Sarah Kirsch, Günter Grass, Jochen Missfeldt und von den jüngeren Feridun Zaimoglu und Karen Duve in Schleswig-Holstein ihren Wohnsitz genommen haben, oder wie Peter Rühmkorf und Siegfried Lenz ihren Zweitwohnsitz. Was sie suchen, ist das, was auch die Orte auszeichnet, in denen das Land Schriftstellern und Übersetzern einen längeren Aufenthalt ermöglicht: Die Gelegenheit, in Ruhe und Abgeschiedenheit an ihren Werken zu arbeiten. An der Ostsee unterhält das Land Schleswig-Holstein selbst solche Rückzugsräume in dem alten Kloster Cismar und in der Kleinstadt Eckernförde bei Kiel. An der Nordsee betreibt der kunst:raum sylt quelle in Rantum auf der Nordseeinsel Sylt sein auf dieser Website eigens vorgestelltes Stipendiatenhaus.
Das Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel wurde 1989 von literarischen Vereinigungen und Einrichtungen des Kultur- und Bildungswesens als ein Netzwerk für das aktuelle literarische Leben im Land gegründet. Es arbeitet landesweit, veranstaltet im Sommer an etwa 20 Orten mit unterschiedlichen Kooperationspartnern eine literarische Reihe, die der Literatur eines bestimmten Gastlandes gewidmet ist. Es unterstützt übers Jahr eine Reihe anderer Veranstaltungen seiner Partner durch Beratung, Mitbewerbung und Zuschüsse zur Finanzierung. Den literarisch Arbeitenden in Schleswig-Holstein bietet das literaturhaus Information und Beratung, eine monatliche "LeseBühne" zur Präsentation neuer Manuskripte und unter dem Titel "Nordtext" in Zusammenarbeit mit dem Nordkolleg Rendsburg literarische Werkstattarbeit. Im Veranstaltungshaus in der Landeshauptstadt Kiel begegnen sich Autoren und Leser. Hier wird neue deutschsprachige Literatur und fremdsprachige Literatur speziell aus den Ostseeanrainerländern präsentiert und die der Lyrik vorbehaltene "Liliencron-Poetik-Dozentur" durchgeführt. Etwa 70 Autorenlesungen, Diskussionsveranstaltungen und Gespräche über Manuskripte finden jährlich in der alten, im ehemaligen Botanischen Garten der Stadt gelegenen Villa statt, dazu kleinere Ausstellungen mit literarischem Bezug.
Seit 2003 führt das Literaturhaus mit Unterstützung von Botschaften und Partnerinstitutionen verschiedener Länder jährlich ein Projekt durch, das speziell den Austausch neuer Literatur auf europäischer Ebene fördert. Das "Europäische Festival des Debütromans" jeweils im späten Frühjahr, wenn der Raps Schleswig-Holstein gelb färbt, will Ausblicke auf die künftige Literatur Europas schaffen und setzt auf persönliche Begegnungen zwischen Autoren und Literaturvermittlern. Zehn Schriftsteller aus zehn Ländern, deren erster Roman veröffentlicht, aber noch nicht in eine andere Sprache übersetzt wurde, kommen gemeinsam mit ihren Lektoren und Fachleuten aus dem europäischen Literaturbetrieb für drei Tage zusammen, um sich über das Schreiben und das Publizieren auszutauschen und die Vielfalt aktueller Literatur in Europa kennenzulernen. Präsentationen und Workshops, aber auch Pausengespräche im Park oder am Strand (siehe Fotos) eröffnen im besten Fall einen Weg zur Übersetzung. 50 Autoren, 40 Verlage und insgesamt 16 Länder haben bislang die Möglichkeit wahrgenommen, aktuelle Debütromane vor Publikum und Fachleuten zu präsentieren und Ausschnitte daraus in einer dreisprachigen Broschüre zu veröffentlichen. Von Norwegen bis Ungarn, von Estland bis Spanien reichte das Spektrum der Teilnehmer, mit dem das "Europäische Festival des Debütromans" auch Aufnahme unter die Ars-Baltica-Projekte fand.
HALMA-Stipendiaten vermittelt das Literaturhaus in den oben genannten Stipendiatenhäusern des Landes in Cismar und Eckernförde Aufenthalte und während der Zeit in Schleswig-Holstein Autorenlesungen an unterschiedlichen Orten und literarische Kontakte zu heimischen Schriftstellern. Für ein bis zwei Teilnehmer am jährlichen Festival des Debütromans ist auch ein festes HALMA-Stipendium vorgesehen.
Wolfgang Sandfuchs












