Literaturhaus Jyväskylä

Risto Niemi-Pynttäri

Seminaarinkatu 26 B

Jyväskylä

40100 Finnland

Tel. 358 (0)503435837

Das Schriftstellerhaus ist ein hölzernes Jugendstilhaus in einer alten Villengegend nahe des Universitätscampus in Jyväskylä. Das Schriftstellerhaus stellt Autoren und Übersetzern Räume zur Verfügung, zur Übernachtung oder zum längeren Arbeiten. Die Universitätsbibliothek von Jyväskylä liegt beinahe nebenan. Sie bietet eine gute Literaturkritiksammlung, man kann die wichtigsten Kunst- und Literaturzeitschriften lesen und es gibt sehr gute Internetarchive.

Das Schriftstellerhaus wurde 1906 von der berühmten finnischen Architektin Wivi Lönn entworfen. Ursprünglich sollte das Haus privat genutzt werden. Obwohl das Haus mehrfach renoviert wurde, hat es seinen unverwechselbaren Stil behalten und steht nun unter Schirmherrschaft des Staates.

1980 wurde es zum "Schriftstellerhaus" und zum Treffpunkt und Büro zweier Schriftstellerverbände: des Schriftstellerverbandes Mittelfinnlands und der Amateurschriftsteller Mittelfinnlands. Drei Zimmer sind für literarische Arbeit reserviert, weiterhin gibt es eine Küche, eine Sauna und Räumlichkeiten für Ausstellungen oder kleinere Veranstaltung (40-50 Personen).

Der Schriftstellerverband Mittelfinnland wurde 1962 gegründet und vertritt heute 130 Mitglieder aus den Bereichen Belletristik und Sachbuch, Forschung, Lektorat, Journalismus, Übersetzung und Kritik. Der Verband ist sehr aktiv – zum Beispiel unterhält er einen Kritikerservice für Amateurschriftsteller oder organisiert literarische Abende und Diskussionen.


Das Finnische ist eine kluge Sprache. "Kulttuurin tila" heißt "der Zustand der Kultur". "Tila" heißt aber nicht nur "Zustand", sondern auch "Ort". So erscheint es uns Finnen selbstverständlich und natürlich, dass dort, wo vom Zustand der Kultur die Rede ist, immer auch ein Ort gemeint sein muss, an dem Kultur zu Hause ist.

Vom Zustand der Kultur kann man nur sinnvoll sprechen, wenn diese Kultur einen ihr vorbehaltenen Ort besitzt. Betrachtet man die Etymologie des Wortes "tila", wird die Sache noch eindeutiger, denn „tila” bedeutet ursprünglich nicht nur "Zustand", "Ort" oder "Raum", sondern auch "Bett". Im dem Finnischen nah verwandten Estnischen bezeichnet es darüber hinaus den "Straßenzustand", die "Wetterlage" und lässt ans Klima und eine uns freundlich gesonnene Natur denken. Die germanische Urform des Wortes bezeichnete ebenfalls den "Ort" oder "Platz" und ist noch im deutschen "Ziel" und in der schwedischen Präposition "till" – "zum", "hin", "nach" enthalten. – Womit schon beinahe alles darüber gesagt wäre, was ein Literaturhaus für die Kultur einer Stadt bedeuten kann: Es ist ein Ort der Begegnung, in dem man sich um die Literatur herum versammelt. Dort herrscht ein für Literatur günstiges Klima, verzeichnen wir eine stabil freundliche Wetterlage. Auch steht dort ein Bett, in dem ein in der Stadt gastierender Schriftsteller eine Nacht verbringen kann. Für andere ist es ein Ruheplatz, an dem sich der Geist erquickt.

Der Ort Literaturhaus an sich strahlt Energie aus und gebiert Neues. Das Literaturhaus von Mittelfinnland – so lautet die Übersetzung von „Keski-Suomen kirjailijatalo” – ist ein Ort in der Stadt Jyväskylä, dicht am Campus der Universität gelegen, die vom berühmtesten Architekten Finnlands Alvar Aalto entworfen wurde.

Der eigene, der Kunst vorbehaltene Ort ist eine Gebärmutter, in der die Kunst sich gut geschützt entwickeln und wachsen kann, beschützt und behütet von der Mutterstadt. Es ist von großem Nutzen für das Publikum der Kunst, solche Orte zu erhalten und zu schützen und den Raum zu bewahren, in dem Kunst entsteht und sich entwickelt.

Im geschützten Raum wächst ein kräftiges Kind heran, das die Stadt und das Leben darin stetig erneuert. Die kleinen Gewächshäuser der Kunst, die Räume, die der Literatur und den bildenden Künsten gewidmet sind, sind die Kapillargefäße, durch die Städte atmen: sauerstoffarmem Blut wird darin neuer Sauerstoff zugeführt, es wird erfrischt und belebt.

Der Kultur gewidmete Räume sind Orte, in denen das Leben einer Stadt seinen unverwechselbaren Ausdruck findet. Sie schaffen eine Stadt, die keine Rezession, keine Krise zerstören kann.

Raum, Zeit und Form sind Leitbegriffe bei der Betrachtung vieler verschiedener Erscheinungen des Lebens und der Welt. Raum, Zeit und Form stehen miteinander in Beziehung und hängen voneinander ab. Befinden sie sich im Gleichgewicht, entsteht etwas, das man heute wohl mit dem Wort "flow" bezeichnen würde. Raum und Zeit haben ihren Einfluss auf die Kraft und die Form des "flow". Jeder Schriftsteller, der schon in einem Literaturhaus hat schreiben dürfen, weiß das. Man hat ihm einen Raum und Zeit gegeben. Er hat von den literarischen Veranstaltungen des Hauses profitiert und ist dort seinen Lesern begegnet. Es haben auch, umgekehrt schon die Kräfte und Formen des „flow” Einfluss auf den Raum genommen. Ich hoffe für Jyväskylä, dass dies auch hier geschieht. Eine kluge Stadt pflegt ihre Räume der Kultur.

Während vieler Lesereisen habe ich stolz erzählt, dass das Literaturhaus in Jyväskylä das erste in Finnland überhaupt war. Überall haben meine Schriftstellerkollegen verstanden, was das bedeutet. Vor ihrem geistigen Auge entstand das Bild einer Kulturstadt, einer Stadt der Bildung mit einem starken Selbstwertgefühl. Ein eigener Ort ist allen Schriftstellern gleich wichtig, sei es in Käsmu, Reykjavik, Teheran, Kopenhagen, Jurmala, Antwerpen, Berlin oder eben Jyväskylä. Und überall weiß man auch, was es bedeutet, wenn man der Kultur ihre eigenen Orte, die Stätten der Begegnung von Künstlern und ihrem Publikum, nimmt.

Hannele Huovi