Das Literarische Colloquium Berlin (LCB), 1963 von Walter Höllerer gegründet, ist Veranstaltungsforum und Gästehaus, Arbeitsstätte und Talentschmiede für Autoren und Übersetzer. Mit seinen Förderprogrammen, Projektinitiativen und der Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" genießt das LCB den Ruf einer Institution mit internationaler Ausstrahlung. Lesungen, Workshops für Autoren und Übersetzer ebenso wie Gäste aus aller Welt machen das Haus am Wannsee zu einem Ort der lebendigen Beschäftigung mit Literatur. Seit 1989 bildet der Austausch mit den Ländern Mittel- und Osteuropas einen Schwerpunkt der Programmarbeit. Langfristige Kooperationen (u.a. Deutschlandfunk, Auswärtiges Amt, Goethe-Institut, Leipziger Buchmesse, Robert Bosch Stiftung) garantieren die kontinuierliche Literaturvermittlung auch über Sprachgrenzen hinweg.
Als der Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Akzente-Herausgeber Walter Höllerer 1963 das LCB gründete, entwarf er es als zentralen Punkt auf der Landkarte der deutschsprachigen Literatur. Heute ist das Haus Am Sandwerder 5 nicht nur eine wichtige Berliner Adresse für Autoren und Leser und ein Treffpunkt internationaler Gäste, sondern "ein Nervenzentrum der gesamten deutschsprachigen Literatur", wie der Züricher Literaturwissenschaftler Peter von Matt einst schrieb.
Alles begann mit einer Veranstaltungsreihe, die Höllerer im Wintersemester 1959/60 an der Technischen Universität Berlin ins Leben rief. Günter Eich und Ilse Aichinger, Max Frisch und Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson waren unter den ersten Gästen. Im Oktober 1962 dann lotste Höllerer das alljährliche Treffen der Gruppe 47 in die Villa Am Sandwerder 5, "ein Labyrinth von Gerümpelkammern", wie man befand, aber ein Haus mit Atmosphäre und Charakter. Seitdem ist die Literatur der Welt am Wannsee zu Gast. In den oberen Stockwerken des LCB stehen Zimmer für Autoren, Übersetzer und andere Gäste bereit; hier wohnen die Kurzzeitgäste und Stipendiaten. Für hunderte von internationalen Autorinnen und Autoren wurde das LCB so zum Symbol der weltoffenen Stadt Berlin.
Sein Renommee verdankt das Haus den zahlreichen Schriftstellertreffen, Fachtagungen und Colloquien; denn hier geht es um die Hintergründe des Schreibens und Lesens, der Produktion und der Kritik. Die Vereinssatzung schreibt "die Förderung der Kunst und Wissenschaft" als Zweck des Hauses fest. Fördern aber heißt vor allem: Begegnungen und Gespräche ermöglichen – zwischen Autoren und Vertretern anderer literarischer Professionen, also Verlegern, Kritikern, Journalisten – und nicht zuletzt auch zwischen den schreibenden Gästen des Hauses und ihrem Publikum, den Leserinnen und Lesern.
Mittel der Autorenförderung sind vor allem die internationalen Stipendien und Literaturpreise, die Am Sandwerder vergeben werden. Das LCB organisiert mehrere angesehene literarische Wettbewerbe, beispielsweise den „Alfred-Döblin-Preis” und den "Preis der Leipziger Buchmesse". Nach längerer Pause wurde 1997 die alte Tradition der Werkstätten mit "Autorenwerkstatt Prosa" wiederbelebt. Ihre Teilnehmer erhalten nicht nur ein Stipendium, sondern auch die Chance, in Ruhe mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen an ihren Texten zu arbeiten und thematische, handwerkliche oder poetologische Fragen zu besprechen.
Darüber hinaus ist das LCB nicht nur Forum, sondern auch Protagonist des Literaturbetriebs: Seit 1974 ist die Redaktion der Zeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter” hier ansässig, die 2006 mit dem "Hermann-Hesse-Preis" geehrt wurde, weil sie „die Kultur der literarischen Diskussion” bewahrt und "ihre Tür zugleich weit für junge Autorinnen und Autoren einer neuen Generation" öffnet. Und seit 2006 schließlich ist das LCB mit dem Brandenburgischen Literaturbüro Initiator von "Literaturport", einer virtuellen deutschsprachigen Literaturlandschaft, die sich dem Benutzer unter www.literaturport.de eröffnet.
Neben den Autoren sind Übersetzer und ihre Arbeit dem LCB besonders wichtig. Denn letztlich läuft der Kontakt zu den großen und den unbekannten Stimmen der Weltliteratur hauptsächlich über die Übersetzer als die eigentlichen Literaturvermittler. Wenn das LCB wirklich, "vom Ausland her gesehen ein unersetzliches Beispiel, eine leuchtende Insel" ist, wie Paul Nizon schreibt, liegt das sicher auch daran, daß hier das literarische Übersetzen seit Jahren einen hohen Stellenwert innehat. Gezielt fördert das LCB den grenzüberschreitenden Transfer der Literatur und die literarische Übersetzung, und zwar in beide Richtungen. Mit dem "Deutschen Übersetzerfonds" beherbergt das LCB außerdem seit 1997 eine bundesweit arbeitende Institution, die sich einzig der Förderung der Übersetzungskunst widmet. Aber das Haus Am Sandwerder 5 ist nicht nur Gästehaus, Tagungsstätte und Akademie, sondern auch Ausrichtungsort von mehr als hundert öffentlichen Veranstaltungen pro Jahr. Für mehrere tausend Besucher bildet Jahr für Jahr das Sommerfest des LCB einen Höhepunkt des literarischen Kalenders.
Zu den Partnern des LCB gehören das Goethe-Institut, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) mit seinem Berliner Künstlerprogramm, das Auswärtige Amt, die Robert Bosch Stiftung, Pro Helvetia, die Allianz Kulturstiftung, die Stiftung Preußische Seehandlung, der Deutschlandfunk und die Leipziger Buchmesse.
Hans-Joachim Neubauer
Die HALMA-Stipendiatin Filipa Melo hat über ihren Aufenthalt im Literarischen Colloquium Berlin geschrieben. Sie finden ihren Essay in der Europäischen Bibliothek des HALMA-Netzwerks.












