»gebt mir eine provinzzeitung an die hand / und eine bretterbaracke mit schmutzigem firmenschild / und in drei tagen werden die städte nach vanille duften / und nach offenen häfen«
Im Jahre 1996 ersteigerte die Stiftung für Poesie „Mircea Dinescu” bei einer Auktion das Verwaltungsgebäude eines ehemaligen Landwirtschaftshafens an der Donau. So kam es, dass dieser verwaiste Ort sich in den Kulturhafen Cetate verwandelte. Aufenthaltsprogramme für Schriftsteller und Künstler, Übersetzerworkshops, Filmkongresse und Töpfer-Werkstätten bringen hier Menschen aus ganz Europa zusammen, die sich gegenseitig wie selbstverständlich beeinflussen, ohne eine Spur von Stress oder institutionellen Drucks. Die Abgeschiedenheit des Ortes hilft Künstlern auf der Suche nach kreativer Einsamkeit und allen, die an diesem Fluss zusammenkommen, um sich auf ihre gemeinsamen Themen zu konzentrieren.
In der Vergangenheit hat die Stiftung mit dem Goethe-Institut, dem Literarischen Colloquium Berlin, dem Schwedischen Institut und dem Rumänischen Kulturinstitut zusammengearbeitet. Symbolischerweise war das erste Schiff, das nach 50-jähriger Unterbrechung im Hafen vor Anker ging, Ein Schiff voller Künstler, die am Projekt L’Odysee du Danube 2007 teilnahmen.
Der Kulturhafen Cetate steht auf den Ruinen des ehemaligen Agrarhafens, der um 1880 hier entstand, als der Weizen noch nicht aus dem Asphalt sproß wie heute und die Wiener Semmeln wirklich und wahrhaftig aus dem Mehl gebacken wurden, das in Frachtkähnen aus Cetate die Donau heraufkam.
1945 wurde der Hafen geschlossen und ein Grenzposten eingerichtet, die Abenteuerreise des Weizenkorns wechselte überraschend die Richtung – gen Osten, nach Moskau. Die rund tausend Getreidehändler, die 1900 in diesem Hafen gemeldet waren, darunter sehr viele Griechen und Juden, wanderten aus oder wurden später zusammen mit den rumänischen Kaufleuten in kommunistische Gefängnisse geworfen.
Nach der Revolution von 1989 wurde das Gebäude der Hafenkommandantur, ein Werk italienischer Meister, von Einheimischen so weit abgetragen, daß es nur noch als Unterschlupf für zwölf Ferkel und zwei Kühe taugte.
So habe ich es entdeckt, ohne Türen, ohne Fenster und ohne Dach, verlebt wie eine Bojarin von altem Adel, gleichsam der zu Stein erstarrte Schrei einer rumänischen Fürstengattin, die von den Freischärlern des Sinan Pascha vergewaltigt worden ist: "Geschändet haben sie mich, die Heiden!"
Mit dem Geld aus dem Verkauf meiner Anteile an einer politischen Satirezeitschrift mit dem Titel "Academia Caţavencu", für deren erste Seite ich acht Jahre lang jede Woche ein Pamphlet geschrieben habe, gelang es mir 1997, die Ruine zu kaufen und in ein Künstlerhaus umzuwandeln. In die Speicher kamen anstelle von Weizen Bildhauer, Schriftsteller, Maler und Musiker, und als die rumänische Regierung im Jahr 2000 die Idee eines Vergnügungsparks in Siebenbürgen mit dem teuflischen Namen Dracula-Park auf den Markt warf, haben auch wir der Polemik zuliebe am Ufer der Donau einen Engel-Park ins Leben gerufen, in dem lauter Engelstatuen stehen zum Zeichen dafür, daß Rumänien nicht nur der Sitz des draculischen Teufels war, sondern es wohl auch Engel überflogen haben, wenigstens an den Rändern.
Im Ort Cetate an der Grenze zu Bulgarien und wenige Kilometer von der serbischen Grenze entfernt, heißt es, die Hähne krähen in drei Sprachen – serbisch, bulgarisch und rumänisch. Ein Ort also wie geschaffen für einen internationalen Kulturhafen.
Die Öfen, in denen Keramik gebrannt wird, rauchen um die Wette mit jenen, in denen die Hammel von der Farm des der Landwirtschaft zugetanen Dichters schmoren, und die glutvollen Tiraden der ausländischen Autoren, die zu Kolloquien geladen werden, kühlt der Wein aus der Kellerei des Dinescu angenehm herunter.
In aller gebotenen Bescheidenheit läßt sich sagen: Nach dem Sklavenhändler Rimbaud dünkt einem der Weinhändler Dinescu wie ein süßes Kindchen. Zögert also nicht, über die Schwelle seines Hauses zu treten.
Zu all dem, was ich bisher gesagt habe, versichere ich euch, an den künstlerischen Ereignissen, die in Cetate stattfinden, werden ebenso teilnehmen, wie sie bisher teilgenommen haben: die umliegenden Wälder, die Donau, die Spatzen und die Krähen – große Kulturliebhaber allesamt.
Mircea Dinescu













Mircea Dinescu