Das internationale Zentrum für literarische Übersetzung in Sremski Karlovci wurde 2003 von einigen Enthusiasten mit dem Ziel gegründet, sowohl das wunderbare Handwerk der literarischen Übersetzung in Serbien zu fördern als auch die Übersetzung des Serbischen und der Literaturen aus Sprachen, die in Vojvodina gesprochen werden. In der nordserbischen Provinz Vojvodina gelegen bietet das Zentum seinen Besuchern die Möglichkeit zu ruhiger Arbeit in einer Umgebung, in der sechs Sprachen gesprochen werden (Serbisch, Kroatisch, Ungarisch, Slowakisch, Ruthenisch und Rumänisch). Diese Vielsprachigkeit macht Sremski Karlovci zu einem idealen Ort für literarische Übersetzer. Obwohl Übersetzer im Fokus des Zentrums stehen, sind Schriftsteller ebenso gern gesehene Gäste. Neben der friedlichen Arbeitsatmosphäre bietet der Landstrich Fruška Gora unseren Besuchern unvergessliche Besuche in Weinkellern und orthodoxen Klöstern, die in der ganzen Landschaft verstreut liegen.
Seit Europa zur Zeit des Niedergangs des Römischen Reichs in zwei gegensätzliche Hälften zerteilt wurde, alternierten längere und kürzere Phasen, in denen der Abgrund immer tiefer aufriss, mit anderen, in denen diese Dynamik vorübergehend aufgehalten wurde. Der Riss blieb aber stets präsent.
Den historischen Umständen ist es zuzuschreiben, dass die slawischen Völker auf ihren Wanderungen in den Spalt zwischen den beiden Hälften des römischen Reiches gerieten. Für einen Moment sah es so aus, als hätte die Geschichte die slawischen Stämme dazu bestimmt, die Brücke für Europas geistige Einheit zu schlagen. Der Riss erwies sich jedoch als so machtvoll, dass die Slawen selbst sich der Teilung in Ost und West unterwarfen. Wie aber sollte die gespaltene Identität der Slawen jemals zu einer Einheit zurückfinden, die in der Folge Verbindungen herstellen und den Geist Europas wiedervereinen könnte?
Vielleicht könnte der südliche Zweig des Slawenstammes, der den Spalt bis heute bewohnt und deshalb möglicherweise in der Lage ist, zu verstehen und zu vermitteln, was die jeweilige Essenz der beiden Europas ausmacht, hier etwas ausrichten? Das Mindeste jedenfalls, was er als Beitrag leisten kann, ist, den Schutzraum und Hafen zur Verfügung zu stellen, den Ort, an dem die Hälften Europas ihren Dialog führen können.
Und genau das will das Internationale Zentrum für Literarische Übersetzer sein: ein Ort für Begegnung, für den Dialog, ein Ort, wo man Bekanntschaft mit "dem Anderen", dem "Abweichenden" schließen kann. Natur und Geschichte stehen uns zur Seite, und die Zeit tut hoffentlich das ihre dazu: die schattigen Hänge der Fruška Gora, unzählige Sonnentage über das Jahr verteilt und Früchte in Hülle und Fülle aus den Obstgärten und Weinbergen, die unsere Gäste wie auch flüchtige Besucher verwöhnen. Dazu die Geschichte der Region, die bis heute daran erinnert, was sich hier an Irrfahrten und Suchbewegungen, an Migration, Umsiedlung und Grenzverschiebungen alles abgespielt hat. Kein Wunder, dass der, wie viele meinen, wichtigste serbische Roman den entsprechenden Titel trägt: "Wanderungen" (Soebe); die Handlung spielt im 18. Jahrhundert, genau an der Stelle, wo unser Zentrum liegt.
Ob die Gegenwart dabei behilflich sein wird, einen Beitrag zur europäischen Einigung zu leisten, zum verständnisvollen Miteinander der verschiedenen Regionen und Teile Europas – Ost und West, Nord und Süd? Es liegt in der eigenen Verantwortung, ob die Antwort auf diese Frage positiv ausfallen kann. Unter dem Eindruck der Nachwirkungen eines Jahrhunderts, das den Riss durch Europa weiter vertieft hat, befinden wir uns gerade an der Schwelle zu einer Phase, in der die einigenden Kräfte an Einfluss gewinnen – keiner weiß, wie lange sie anhalten wird. Darum haben wir uns an die Arbeit gemacht, unseren eigenen Beitrag zu diesem Heilungsprozess zu leisten.
Das internationale Zentrum für literarische Übersetzung in Sremski Karlovci Wenn die unterschiedlichsten Sprachen aus allen Teilen Europas und der Welt durch unser Zentrum summen, dann erst wissen wir mit Bestimmtheit, wir sind auf dem richtigen Weg, dem Weg, der zu Synthese und Einigung führt.
Zoran Stojanović
Der HALMA-Stipendiat Richard Obermayr hat über seinen Aufenthalt im Internationalen Zentrum für literarische Übersetzung geschrieben. Sie finden seinen Essay in der Europäischen Bibliothek des HALMA-Netzwerks.












