»Schriftsteller und Übersetzer behaupten oft, ihre eigentliche Heimat sei die Sprache. «
Das Internationale Schriftsteller- und Übersetzerhaus verdankt seine Gründung einer gemeinsamen Initiative des Lettischen Kulturministeriums, des Rates der Stadt Ventspils und des Lettischen Literaturzentrums. Ziele der Begegnungsstätte sind die Förderung der lettischen Literatur, der Dialog zwischen den Kulturen sowie die Eingliederung der lettischen Literatur in den internationalen Austausch. Zugleich soll die Dezentralisierung der Literaturlandschaft Lettlands vorangetrieben und in den Regionen ein lebendiges kulturelles Umfeld geschaffen werden.
Schriftsteller und Übersetzer behaupten oft, ihre eigentliche Heimat sei die Sprache. Ganz gleich, in welcher Sprache sie schreiben und sprechen, wo sie auch wohnen, wohin sie auch reisen: ihre Heimat sei einzig und allein die Sprache, dieses rationale und zugleich irrationale Wunder, mit dessen Hilfe sie die Wirklichkeit nachbilden, um mit den Mitteln der Lyrik und der Prosa, mit Theaterstücken und Übersetzungen eigene Erfahrungen und die der ganzen Welt in Worte zu fassen.
Die englische Autorin Virginia Woolf befand, ein Schriftsteller brauche wenig materielle Güter, um zu arbeiten, nur Geld und ein Zimmer für sich allein. In der heutigen Zeit, in der Schriftsteller, genau wie alle anderen, im hektischen Treiben des Alltags gefangen sind, bedarf es dieser Dinge besonders dringend. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass die Schriftsteller- und Übersetzerzentren inzwischen so beliebt und geschätzt sind, besonders in Europa. Für eine Zeit lebt man losgelöst vom Gewohnten, fern von den Pflichten des Alltags und des Lebens kann man sich der Freude hingeben, den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als zu schreiben. Man bildet die Wirklichkeit nach und ist unter Kollegen, denen man sich über die Sprache nah fühlt. Gut, zu wissen, dass sich in dieser rationalen, pragmatischen Welt viele andere ebenfalls der schwierigen, schönen und ausschließlichen Aufgabe verschrieben haben, mit Sprache zu arbeiten.
Zum baltischen Zentrum für Schriftsteller und Übersetzer in Visby auf Gotland, dem Ledig Haus in Amerika, dem Casa Pantrovà in der Schweiz, dem Haus für Schriftsteller und Übersetzer in Käsmu, Estland, und vielen, vielen anderen gesellt sich das Autoren- und Übersetzerhaus in Ventspils, Lettland, hinzu. Damit ist auf der riesigen Weltkarte ein weiterer Ort verzeichnet, an dem die Sprache lebt, an dem Erfahrungen aufeinander treffen und an dem jeder in seiner Sprache von denselben uralten Mysterien erzählt: von Leben, Liebe und Tod. Das frühere historische Rathaus, auf dem Platz zwischen der sanierten Stadtbibliothek und der Lutherischen Kirche gelegen, ist zum Schriftsteller- und Übersetzerzentrum umgebaut worden und bietet nun Schriftstellern aus aller Welt die Gelegenheit, hier zu arbeiten und sich auszutauschen.
Die Schriftsteller-Studios sind modern ausgestattet, verströmen aber dennoch einen Hauch Geschichte und heißen den Reisenden in Sachen Sprache mit einem herzlichen Gruß willkommen. Ein begrünter Innenhof und eine Sauna schaffen die Atmosphäre, die spürbar werden lässt, dass der Prozess des Schreibens mit Vertrauen verbunden ist, mit göttlicher Offenbarung und mit Sinnesfreuden.
Hier ist alles an einem Ort vereint – Einsamkeit und Gespräch, Arbeit und Erholung, täglich Brot und Wein.
Wenn er müde von der Arbeit ist, kann der Gast in der gepflegten Küstenstadt Ventspils spazieren gehen. In jedem Haus, jeder Straße, jedem Garten und auf jedem Hof sind Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen präsent. Wandert der Sprachreisende durch einen grünen Park, findet er sich plötzlich am Strand wieder. Dann kann er sich für die Richtung entscheiden, die ihn am meisten lockt – ein kilometerlanger, wunderschöner Küstenstreifen mit weißem Sand erstreckt sich weithin zu beiden Seiten. Nur der Himmel ist jetzt noch da, das Meer und ein grüner Streifen Wald und der Spaziergänger, der durch den Sand stapft und sich dem schöpferischen Augenblick öffnet.
Wer weiß, vielleicht entstehen ja genau hier, im Haus der Sprache in Ventspils, die schönsten Romane und Liebesgeschichten des Jahrhunderts. Lasst es geschehen!
Nora Ikstena
Der HALMA-Stipendiat Urs Faes hat über seinen Aufenthalt im Internationalen Autoren- und Übersetzerhaus geschrieben. Sie finden seinen Essay in der Europäischen Bibliothek des HALMA-Netzwerks.














Nora Ikstena