Eesti Kirjanike Liit

Mart Siilmann

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Estonia

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Das Schriftsteller- und Übersetzerhaus in Käsmu liegt 75 km östlich von Tallinn, am Küstenstreifen des Lahemaa-Nationalparks, in einem Fischer- und Schiffsbauerdorf. Das "Kapitänshaus", gebaut Anfang des 20. Jahrhunderts, wurde mit Mitteln der Estnischen Kulturstiftung gekauft und renoviert. Der Estnische Schriftstellerverband besitzt und verwaltet es seit September 1997 für seine Zwecke. Zahlreiche kreative Menschen aus verschiedenen Kontinenten haben diesen Ort als Einzelgänger oder als Teil einer Gruppe genossen. Wer für seine literarische Arbeit Ruhe und Frieden sucht, findet hier wilde Natur mit majestätischer See und einem einzigartigen Nadelholzwald – besonders schön im Frühling, Herbst und Winter.


Im Falle des Künstlerhaus Käsmu erachte ich nicht so sehr das Haus für wesentlich, sondern seinen Standort. Und zwar liegt Käsmu nicht nur am Meer, sondern auch im ältesten Nationalpark Estlands, dem Lahemaa-Nationalpark. Das heißt, Käsmu befindet sich mitten in einem Naturschutzgebiet. Wesentlich ist auch, dass sich dieses Naturschutzgebiet im nordöstlichsten Winkel unseres gu- ten alten Europa befindet, 75 km östlich der estnischen Hauptstadt Tallinn.

Ich präzisiere – im Herzen Europas findet man vieles an eindrucksvoller Historie; hypermoderne Landschaften erweitern den Horizont, aber auf eine Natur, die der Engländer mit dem schönen Wort „wilderness” bezeichnet, trifft man nicht mehr ohne weiteres. Dem urbanisierten Mitteleuropäer mag es wie eine Erscheinung anmuten, dass die Straße nach Käsmu kilometerlang durch dichte, unberührte Wälder führt, wo sich hie und da, wie im Spiel des Zufalls, einzelne Häuser locker zusammengefunden haben zu kleinen Ansiedlungen, von denen die eine Käsmu heißt. Im Grunde genommen beginnt der Wald gleich hinter dem Geräteschuppen des Schriftstellerhauses – mit bemoosten Felssteinen, Pilzen, schlanken Kiefern und dunklen Fichten; Dämmerung, Feuchtigkeit und Kühle herrschen hier auch an den heißesten Sommertagen vor. Wenn es sich nicht gerade um einen Gewohnheitstouristen handelt, der im klimatisierten Bus die einzige Asphaltstraße des Ortes bereist, mag den Besucher Käsmus das Gefühl überkommen, dass nicht der Mensch die Natur angreift, sondern umgekehrt – die Natur droht dem Menschen. Dieses Gefühl verstärkt sich zum Ende des Sommers, wenn die Touristenströme auf den markierten Wegen des Nationalparks versiegt sind, wenn die Pilze sprichwörtlich aus dem Boden schießen und eine steife Brise den Baumwipfeln zusetzt. Im Herbst versinkt das Dorf in Schweigen, und die Schatten der Wälder schleichen sich hinter den Gärten in die Höfe. Die Häuser beginnen zu knarren, das Dorf wird zu einem dünnen Streifen Menschentum zwischen tosendem Meer und dunklem Waldmassiv.

Weiterhin ist erwähnenswert, dass sich das Künstlerhaus Käsmu ziemlich stark von seinen berühmten ostseeanliegenden Nachbarhäusern z.B. in Visby und Ventspils unterscheidet. Wenn letztere in der Regel von Autoren und Übersetzern bevölkert werden, die zum Arbeiten gekommen sind und sich in Askese auf ihr künstlerisches Schaffen konzentrieren wollen, wo die Mitnahme des Lebenspartners zwar möglich, aber nicht üblich ist, so kann der Käsmu-Entschlossene sowohl seinen Lebenspartner als auch Kinder, Katzen, Hunde und die Schildkröte mitnehmen, ebenso einen Freund und dessen Lebenspartner samt Hund, Katze und Schildkröte. Als das Haus vom Estnischen Kulturkapital dem Estnischen Schriftstellerverband übergeben wurde, mutierte es rasch zum Sommerfavoriten der Verbandsmitglieder – die Termine werden gewöhnlich fast ein Jahr im Voraus gebucht. Die Arbeit am Text ist sommers also entweder erschwert oder als sekundär zu bewerten – man fährt nach Käsmu, um sich vom Schreiben zu erholen, nicht um zu schreiben.

Was nicht heißt, dass es keinen Sinn hätte, in ernster Absicht nach Käsmu zu kommen. Im Herbst wird es still im Haus, die Kinderstimmen verfliegen im auffrischenden Wind, und auch im zeitigen Frühjahr herrscht tiefste Ruhe. Die Abgeschiedenheit des Ortes sollte man nicht unterschätzen – handelt es sich doch um eine Provinz in der Provinz, ein kleines Fleckchen hinter Gottes Rücken. In Käsmu gibt es nicht einmal einen Laden, die nächste Einkaufsmöglichkeit findet man fünf Kilometer weiter, in Võsu, in den dreißiger Jahren berühmter Kurort, heute ein verträumtes Städtchen. Hin und wieder fällt in Käsmu der Strom aus (Grund dafür ist der Wind, der Schnee oder andere Naturgegebenheiten der nördlichen Region), und wenn der Schriftsteller nicht weiß, wie man einen Kachelofen heizt, sollte er seine Sachen packen und versuchen, Käsmu zu verlassen – was in der Regel nicht einfach ist, denn die Busverbindung mit der Hauptstadt ist dürftig.

Natürlich ist es nicht mein Anliegen, denjenigen, der hier den Namen Käsmu erstmals liest, von seinem Vorhaben abzubringen, denn die Abgeschiedenheit des Ortes bedeutet nicht, verlassen zu sein; der Estnische Schriftstellerverband hat freundliche Mitarbeiter vor Ort, die dem in geistige Seenot Geratenen schnell weiterhelfen können. Im Grunde genommen möchte ich betonen, dass Käsmu auf jeden Fall ein Erlebnis ist. Das Haus hat seinen Geist – nicht, wie ein älterer Kollege behauptete, dass es im Hause spuken würde, sondern insofern als der in Käsmu Angereiste bereits nach wenigen Stunden eine abhanden gekommene Idee, eine verwehte Inspiration wiederfinden kann; ebenso wie sich binnen weniger Augenblicke Trübsal einfach verflüchtigt. Für die einer überhasteten Welt entkomme Seele vollbringen die Wälder von Käsmu, das Meer und das alte weiße Haus mit den knarrenden Holzdielen (wo sich einst ein echter Kapitän niedergelassen hatte und es jetzt Internet per Funk gibt) regelrechte Wunder. So wirkt er, der Geist von Käsmu.

Jan Kaus


Der HALMA-Stipendiat Richard Obermayr hat über seinen Aufenthalt im Künstlerhaus Käsmu geschrieben. Sie finden seinen Essay in der Europäischen Bibliothek des HALMA-Netzwerks.