1992 wurde von Emil Stojanov der Pygmalion Verlag gegründet. Sein Programm widmet sich der europäischen schöngeistigen, politischen und philosophischen Literatur. Er erschloss dem bulgarischen Publikum zum ersten Mal Werke von Goethe, Schnitzler und Musil, sowie von Dutzenden jungen Autoren aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, in den letzten Jahren darunter auch viele Theaterstücke. Über die verlegerische Tätigkeit hinaus ist der Pygmalion Verlag als Veranstalter für kulturelle und literarische Ereignisse ebenso wie als Förderer des europäischen Kulturaustausches tätig.
2007 wurde in diesem Geist die Pygmalion Stiftung gegründet, die in ihrem Haus u.a. Stipendiatenzimmer für Autoren untergebracht hat.
Für viele Orient-Express-Reisende ist die Stadt Plovdiv nur eine Station ihrer exotischen Zugfahrt, die letzte große vor Istanbul. Reisende allerdings, die nicht an die Abfahrt ihres romantischen Zuges gebunden sind, können den Bahnhof verlassen und eine Welt betreten, die von den verschiedensten Zeiten durchdrungen wurde. Orphischer Geist, thrakisches, römisches, byzantinisches, lateinisches, osmanisches und bulgarisches Kulturerbe verbinden sich hier mit modernen Vorstellungen, Entwicklungen und Taten. Denn Plovdiv ist ein tausendjähriger Ort, ein Ort an dem sich schon immer Wege gekreuzt und verbunden haben.
So haben bereits Vergil und Ovid die Leiden des Orpheus in der Gegend zwischen den Rhodopen, dem Balkangebirge (lat. Haemus) und dem Fluss Hebros angesiedelt. In diesem halb mythischen – halb geographischen Raum der Orpheus-Passion schweben Philosophia, Hermes und Herakles und unterhalten sich:
HERAKLES: Ihr seht da, o Hermes und Philosophia, zwei Gebirge, die grössten und schönsten von allen – der Haimos ist das grössere, und das gegenüber ist das Rhodope-Gebirge, und darunter ausgespannt ist eine fruchtbare Ebene, die jeweils gleich am Fuß von beiden Gebirgen ansetzt, und dann drei Hügel, die schön emporragen, nicht unansehnlich in ihrer Schroffheit, so als wären sie etliche Akropolen der Stadt, die darunter liegt. Und die Stadt wird ja auch schon sichtbar!
HERMES: Ja, beim Zeus, o, Herakles, das ist die grösste und schönste von allen! Von weitem leuchtet ja schon die Schönheit. Und es fließt da auch ein sehr großer Fluss vorbei, der sie ganz hautnah streift!
HERAKLES: Das ist der Hebros, und die Stadt ist Schöpfung des berühmten Philip.
Dieser göttliche Blick auf Plovdiv, den Lukian erlauscht und aufgeschrieben hat, hat sich durch die Jahrhunderte nicht verändert. Auch heute noch führt durch diese Gegend eine Ebene, die den Sinn für das Ferne weckt und gleichzeitig den Horizont klar vor Augen führt. Die berühmten Plovdiver Hügel, auf denen über Jahrhunderte menschliche Werke ihre Spuren hinterlassen haben, teilen die Stadt. Ruinen flankieren hier den Weg der Zeit. Und gleichzeitig beschränken die Hügel den Blick des Betrachters, halten ihn fest und wecken seine Aufmerksamkeit für unerwartete Perspektiven, lenken ihn auf die Stadt, durch die ein Fluss fließt. Ein Fluss, der in sich die Erinnerung an den Wandel der Zeiten wie der Ewigkeit trägt. Ein Fluss, in dem sich die heutige Stadt wie in einem Kaleidoskop bricht. Ein Spiegel der die Gesichter und Geschichten der Zeit begeistert in sich aufgenommen hat. Die Ebene, die Hügel und der Fluss sind so erkennbar als die Säulen, auf denen die Menschen diese Stadt gegründet haben.
Der Reisende empfindet an einem solchen Ort die Qual der Wahl. In einem kurzen oder längeren Augenblick des Zögerns, in welche Richtung er sich wenden soll, überlegt, beurteilt, erregt er sich, fürchtet sich, hofft ... aber am deutlichsten empfindet er den Augenblick seines Seins. Das Haus der Pygmalion Stiftung Und den Reisenden, der der Literatur verpflichtet ist, stellt ein solcher Ort vor die Herausforderung die verborgenen, vergessenen, fremden und unbekannten Stimmen wahrzunehmen und zu artikulieren, vor die Herausforderung diese verborgenen, vergessenen, fremden und unbekannten Gestalten, Codes und Botschaften zu übersetzen.
Für die Reisenden, die aus dem Orient-Express in Plovdiv ausgestiegen sind, führt der Weg vom Bahnhof in die Stadt über die Ivan-Vasov Strasse. Für die der Literatur Verpflichteten führt der Weg zu ihrer Unterkunft in Plovdiv in das Literaturhaus des Pygmalion Verlages, in dem – gegründet 1992 von Emil Stoyanov – philosophische, politische, und schöngeistige Werke darunter zahlreiche Übersetzungen der westeuropäischen Literatur erschienen sind. Und das ist Haus Nr. 42 in der Ivan-Vasov-Strasse.
Mladen Vlashki
Der HALMA-Stipendiat Urs Faes hat über seinen Aufenthalt im Haus der Pygmalion Stiftung geschrieben. Sie finden seinen Essay in der Europäischen Bibliothek des HALMA-Netzwerks.














