Die Borderland Stiftung wurde gegründet, um eine Plattform für die Kooperation und gegenseitige Bereicherung zwischen multikultureller Gemeinschaften zu schaffen. Sie ist dem Erbe der humanistischen Tradition der Toleranz verpflichtet, nach der Menschen verschiedener Überzeugung, Sprache oder Hautfarbe die gleichen Rechte, den gleichen Respekt und das gleiche Verständnis verdienen.
Die Mitarbeiter der Stiftung sind hochqualifizierte Spezialisten interkultureller Arbeit und beschäftigen sich mit innovativen künstlerischen, literarischen Bildungs- sowie Rechercheprojekten. Die Arbeit der Borderland Stiftung kombiniert lokale Initiativen und internationale Kooperationen mit akademischen und kulturellen Institutionen aus aller Welt.
Czesław Miłosz, ein Literatur-Nobelpreisträger, war geistiger Mentor und ein wichtiges Bindeglied zu den Orten, an denen das Zentrum „Grenzland der Künste, Kulturen und Nationen” aufgebaut wurde – in der kleinen Stadt Sejny und im Herrenhaus der Familie Miłosz in Krasnogruda, im polnisch-litauischen Grenzland. Der Verlag des Zentrums ebenso wie seine Kulturmagazine sind auf die Literatur und Geschichte Mittel- und Osteuropas spezialisiert. Viele Schriftsteller, Übersetzer und Forscher aus unterschiedlichen Ländern besuchen das Zentrum insbesondere um im Dokumentarzentrum der Stiftung zu forschen. Dort befindet sich eine große Sammlung von Büchern, Zeitschriften, Filmen, Tonträgern, Kunstdrucken, Postkarten, Fotografien und Karten über Mittel- und Osteuropa in den verschiedenen Sprachen Mittel- und Osteuropas.
Ein bekanntes Sprichwort vergleicht die polnische Kultur mit einer Brezel – das Leckerste ist die Kruste und nicht der Teig. Und tatsächlich kommen die bedeutendsten Vertreter dieser Kultur, Schriftsteller wie Mickiewicz, Schultz, Gombrowicz oder Miłosz aus der kulturellen Peripherie. Ihre merkwürdige Welt voller mysteriöser Metaphysik und Spannung, die sich in permanenter Konfrontation mit "dem Anderen" entwickelt hat, erhielt den Spitznamen Borderland, und ihre Vertreter, denen man einen Hang zu Sprachen, zu Grenzüberschreitungen und Dialog nachsagt, nannte man Borderlander. Das 20. Jahrhundert war dieser Welt feindlich gesonnen – es hat sie mit Kriegen verwüstet, durch neue Grenzen zerteilt und die Borderlander ins Exil getrieben. Der Mythos ihrer Kultur aber hat überlebt und neue Generationen von Schriftstellern, Dissidenten und Sozialarbeitern inspiriert.
Sowohl die Stiftung, als auch das Zentrum Pogranicze (Borderland) wurden gegründet, um an das multikulturelle Erbe der Peripherien Zentraleuropas anzuknüpfen und sie als Feld geistiger Erkundung wieder aufleben zu lassen. Als Sitz wurde der kleine Ort Sejny im Nordosten Polens gewählt. Er liegt genauso nah an der litauischen Grenze wie an den Grenzen zu Weißrussland und Russland. Es war aber nicht die Nähe zu den Staatsgrenzen, die den Ausschlag für die Wahl des Standortes gegeben hat. In Grenzgebieten koexistieren üblicherweise die unterschiedlichsten Grenzen innerhalb einer Gemeinschaft – linguistische, ethnische und andere mehr. Heute leben in Sejny Polen und Litauer wie auch eine kleine Anhängerschaft des alten Russlands. Die Stadt erstreckt sich entlang der Achse zwischen Basilika und einer Synagoge, die den Krieg wunderbarerweise überlebt hat. Dominikanermönche, die damals der Region vorstanden, hatten im 17. Jahrhundert Juden eingeladen, mit ihnen hier eine Stadt zu errichten. Nahe dem Zentrum liegt die evangelische Kirche als Hinweis auf die protestantische Besiedelung einer Gegend, die früher unweit der preußischen Grenze lag. Außerdem finden sich im Ort und der näheren Umgebung Hinweise darauf, dass Ukrainer, Zigeuner, Tartaren, Karaimer, Anhänger der orthodoxen Kirche und des Propheten Illya hier gelebt haben, nicht zu vergessen die Spuren der allerersten Siedler auf diesem Gebiet – der Jacwinger.
Es war eine literarische Spur, die die Gründer von Pogranicze hierher geführt hat. In der Region Suwałki ist, als Teil des ehemaligen Großherzogtums Litauen, die einzige authentische romantische Landschaft des heutigen Polen erhalten geblieben. Von hier stammt auch die Familie des größten polnischsprachigen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts: Czesław Miłosz. Geboren wurde er in Szetejnie, das inzwischen auf der litauischen Seite der Grenze liegt, seine Familie besaß aber in Krasnogruda bei Sejny ein Landgut, wo er sich oft zum Schreiben aufhielt. Schon als Nobelpreisträger kehrte Miłosz aus dem Exil immer wieder hierher zurück und wurde zum Förderer und engen Freund von Pogranicze.
Das Zentrum Pogranicze befindet sich in den restaurierten Gebäuden des ehemals jüdischen Viertels der Stadt – in der "Weißen Synagoge" (heute genutzt für Konzerte, Aufführungen und Konferenzen), in der "Alten Yeshiva" (Galerie und Künstlerräume für Musik, Keramik und Malerei) und dem Borderland Haus (es beherbergte früher die Oberschule, heute ist es ein modernes Zentrum, das ein Museum für Multikultur, einen Verlag und einen Multimediaraum unter seinem Dach vereint).
Aus der ganzen Welt kommen Schriftsteller, Übersetzer, Wissenschaftler und Studenten, um das reichhaltige Material zu nutzen, das wir im Dokumentationszentrum der Grenzgebietkulturen bereitstellen – eine einzigartige Sammlung an Büchern, Filmen, Schallplatten, alten Postkarten und Lithographien mit Darstellungen aus den Kulturen Zentraleuropas, des Balkans, Zentralasiens und Russlands. Die Stiftung unterhält auch den Landsitz und Park von Krasnogruda, wo im Augenblick das Internationale Zentrum für Dialog entsteht.
Abzuwägen, was das Wertvollste an den Borderlands ist, fällt schwer: Ist es die Schönheit der Natur, oder eher die ihres kulturellen Reichtums. Entscheidend ist, dass hier ein Ort der Regeneration und Wiederkehr entstanden ist, wo Erinnerungen an Exil und Nachbarschaftskonflikte bewältigt werden – ein Ort, der in seiner Tradition erstrahlt und zu geistiger Auseinandersetzung inspiriert.
Krzysztof Czyżewski













Czesław Miłosz