Litauischer Originaltext
Donatas Petrošius

1.

Wenn ich im Ausland bin, hole ich meistens meinen Fotoapparat aus der Tasche und knipse in allen Richtungen.

Aber in Krakau habe ich mir damit Zeit gelassen. Ich wollte nicht für einen Spion gehalten werden. In diesem Jahr gab es mehr Anzeichen als in den zurück liegenden zwanzig Jahren, dass zwischen Polen und Litauen noch immer Krieg herrscht. Genauer: Dass der vor einem knappen Jahrhundert entfesselte militärische Konflikt sich jetzt an neuen Fronten entfacht. Nur wird heute nicht mehr mit Blut und Pulver gekämpft, sondern ein Informationskrieg an allen Medienfronten geführt. Und die Rauchentwicklung ist stärker als bei Geschützfeuer.

Obwohl beide Völker nach dem Zweiten Weltkrieg durch einen gemeinsamen Feind, das Regime der Kommunisten, vereint waren und Polen und Litauer zum gleichen militärischen und wirtschaftlichen Lager gehört haben, sind die Wunden der Zwischenkriegszeit nicht verheilt.

Es kann geschehen, dass man eines schönen Tages aufwacht und in der Zeitung liest, dass Litauen und Polen den Krieg wieder aufnehmen und tags darauf aus dem Fernsehen erfährt, dass Litauer und Polen weiterhin Verbündete sind.

Die Litauer haben sich mit Polen niemals gelangweilt. Und die Polen mit den Litauern auch nicht.


2.

Wenn polnische und litauische Journalisten Anschuldigungen und Kränkungen zwischen beiden Völkern aufzählen und dabei immer wieder aneinandergeraten, dann möchte ich damit nichts zu tun haben. Das ist nicht mein Krieg. Ich führe keinen Krieg. Ich bin Lyriker und kenne einige polnische Dichter, mit denen ich den Kummer der vergangenen hundert Jahre auf zivilisierte Weise bewältigen kann.

Eine schnelle und leichte Lösung gibt es nicht, aber ein langsamer, doch sicherer Heilungsprozess wäre die Mühe wert. Den ersten und wichtigsten Schritt der Konfliktlösung kann ich gern soufflieren: Wir müssen uns zusammen setzen und miteinander sprechen. Das müssten Menschen mit entsprechender Qualifikation tun: Sprach-, Kultur- und Religionsexperten. Bei Historikern habe ich starke Zweifel, weil ihre faszinierendsten Theorien für gewöhnlich radikal sind und nur eine Konfliktpartei zufriedenstellen. Noch weniger Anlass zu Optimismus geben Politiker und professionelle Diplomaten: Sie lassen sich zu sehr von Zweitrangigem leiten -- von ökonomischen Parametern, protokollarischem Geschwätz und Terminologie.

Ich verstehe, dass dies eine Utopie ist. Philologische Argumente haben nur selten politische Wirkung.

Trotzdem, noch utopischer ist der Glaube, dass dieses Dilemma von Finanzexperten und Generälen gelöst werden könnte. Denn der litauisch-polnische Konflikt ist im Grunde ein kultureller, genauer: ein philologischer. Ich bin davon überzeugt, dass Blutvergiessen und Unrecht nur mit Wörtern bewältigt werden können. Und nicht mit Wirtschaftskennziffern, Gebietsabtretungen, Staatsbesuchen oder protokollarischen Reden. Die Menschen müssen sich ganz einfach miteinander aussprechen, ganz menschlich.


3.

Meine Vorfahren haben den Katholizismus von den Polen angenommen. Und die Polen sind bis heute stolz darauf, dass sie die angeblich wilden Balten, Europas letzte Heiden, christianisiert haben. Aber auch wir haben Grund stolz zu sein -- darauf, dass unsere Vorfahren so würdevoll wie möglich zum Christentum übergetreten sind: Sie haben es sich nicht mit Feuer und Schwert von den Kreuzrittern aufzwingen lassen -- sie haben dem Druck der europäischen Kriegsmaschine zwei Jahrhunderte lang widerstanden und sich die Polen selbst als Taufpaten erwählt.

Alles ist mehr oder weniger gut gelaufen: sowohl die Christianisierung als auch die Lubliner Union, die uns 1569 zur polnisch-litauischen Adelsrepublik, der Rzeczpospolita, verband. Bis auf eine Kleinigkeit: Oft hat es den Anschein, in der Vorstellung der Polen hätten sie uns zusammen mit dem Katholizismus (der in unserer Gegend bis heute oft polnisch als polska wiara, also „der polnische Glaube“ bezeichnet wird), also gleichsam im Doppelpack, auch noch zwei weitere Wohltaten erwiesen: die polnische Sprache und Kultur. Nach dem Motto: Wenn du Katholik bist, dann sprich polnisch.

Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts war Litauen formell ein katholisches, zweisprachiges Land mit polnischer Kultur, in dem die Aristokraten und Städter polnisch und nur die Unterschichten litauisch sprachen. Alles Litauische galt als ethnografischer Exotismus, nicht selten sogar als heidnisches Teufelszeug. Obwohl die Polen im litauisch-polnischen Doppelstaat mit der Zeit die Rolle des großen Bruders annahmen, haben beide Völker in bester Eintracht zusammen gelebt und in den Aufständen gemeinsam gegen die russische Fremdherrschaft gekämpft -- nur, dass nach polnischer Vorstellung alles richtig gelaufen ist, während aus litauischer Sicht der litauische Teil dieses Staatsgebildes allmählich dem Untergang anheim fiel.

Erst seitdem eine kleine Schar von „Litwomanen“[1] am Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit der Erschaffung von dem begannen, was heute die Republik Litauen ist, meinen viele polnische Patrioten, die Litauer seien beschränkte Provinzler. Es könnte sich aber auch umgekehrt verhalten, denn schließlich war damals in ganz Europa der „Völkerfrühling“ angebrochen, die Befreiung der Völker von fremden, überlebten Imperien. Vielleicht war ja die polnisch-litauische Adelsrepublik überlebt.

Das war leider der Fall. Jedenfalls hatte es damals, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, den Anschein, als habe sie jegliche Legitimation verloren. Und das war das Paradoxe an der litauisch-polnischen Verbrüderung: Wir hatten uns 1569 zusammengeschlossen, um militärisch stärker zu werden, doch im Laufe von nicht einmal drei Jahrhunderten waren wir so schwach geworden, dass die Rzeczpospolita 1795 endgültig unter ihren Nachbarn -- Russland, Preussen und Österreich -- aufgeteilt worden war.

Wie es den Polen während des Völkerfrühlings im Einzelnen erging, weiß ich nicht, die Litauer erlebten ihre nationale Wiedergeburt durch die Rekultivierung ihrer Sprache und die enthnozentristische Abgrenzung von all dem, was sie mit Polen gemeinsam hatten. Czesław Miłosz bemerkte, dass das Litauen, das sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts konstituierte, ein philologisches Projekt gewesen sei, doch diesen Gedanken hat kaum jemand zur Kenntnis genommen -- vielleicht gäbe es ja heute mehr Verständnis dafür, warum die Litauer so lange zu keiner Lösung für die Schreibung von polnischen Familiennamen finden können. Das polnische „w“ [das es im Litauischen nicht gibt, C.S.] assoziieren die meisten Litauer noch immer mit einem Angriff auf ihre Souveränität.

Ich kann den Polen keinen Vorwurf machen, wenn sie für manche litauische Besonderheiten kein Verständnis haben. Schließlich verteidigen die Litauer die Reinheit ihrer Sprache ausschließlich in Konflikten mit Polen und benutzen ihre Muttersprache als Vehikel zur Lösung von kleinlichen Streitereien: Das englische „w“ ist häufig im litauischen Straßenbild zu sehen, und niemand stört sich daran.

Ich persönlich würde das polnische „w“ erlauben (obwohl ich gegen die Verunstaltung meiner Sprache ziemlich empfindlich bin), aber ich habe keine unwiderlegbaren Argumente dafür, dass es richtig wäre. Überdies gehören zum Lager der Gegner der polnischen Buchstaben viele gebildete Leute, für die ich Achtung empfinde. Und für ihre Meinungen auch. Das Problem besteht darin, dass die Litauer zu wenig miteinander über solche Fragen sprechen. Jene, die am lautesten schreien, wissen meist zu wenig über die Geschichte ihrer Literatur. Sie haben die Orthographie[2] in den ersten litauischen Büchern nie gesehen.

Ich weiss, dass wir diese Fragen lösen werden, und hoffe, dass die Polen genug Geduld haben, abzuwarten, bis wir soweit sind.

Mir ist klar, dass radikalere Litauer meine Überlegungen für Verrat an unseren nationalen Interessen halten. Da kann man nichts machen. Ich kann mich nur darüber freuen, dass sich wenigstens die Radikalen für sie interessieren. Und überhaupt -- je mehr Exzentriker, umso kreativer das Volk.


4.

Womit habe ich diesen Bericht über meinen Monat in Krakau begonnen? Mit dem Fotografieren? Über Sehenswürdigkeiten habe ich nichts zu sagen. In den ersten zwei Wochen bin ich kreuz und quer durch Krakau gelaufen ohne auch nur ein einziges Mal die Kamera aus der Tasche zu ziehen. Warum? Darauf gibt es ein paar Dutzend Antworten (eigentlich Fragen), die mir in der Kehle stecken. Alle gleichzeitig.

Während ich eine Frage herauswürge und sie sich löst, tauchen an ihrer Stelle zwei neue auf.

Manche Fragen lassen sich nicht ernsthaft beantworten. Sie müssen entweder überspielt oder auf zukünftige Generationen verschoben werden, die hoffentlich schlauer sind als wir.

Auf meinen Spaziergängen durch das geschichtsträchtige Krakau habe ich ein Dröhnen von unausgesprochenen Dingen vernommen. Einerseits lassen sie sich nicht einfach zurücksetzen (reset) wie ein Computer, und vor dem Löschen scheue ich zurück. Andererseits kann ich diese Informationen im Hintergrund schwerlich ignorieren. In der Geschichte gibt es vermutlich mehr Fehler, Dummheiten und Unrecht als Schönes. Überdies prägen sich dunkle Abschnitte stärker ein, deshalb ist es ratsam, finstere Momente ästhetisch zu betrachten.

Viele meiner guten Freunde sind schon vor mir einmal in Krakau gewesen, also habe ich mit ihnen schon oft in Krakaus Superlativen geschwelgt. Und jawohl, ich stimme zu, Krakau ist eine der schönsten Städte, die ich gesehen habe. Nur, nun ja, ich möchte niemanden kränken, vor allem nicht meine polnischen Freunde, aber ich finde, Vilnius ist ein bisschen schöner. Von allem, was an Krakau schön ist, findet sich ein Zitat, ein Pendant, in Vilnius. Manchmal in völlig entgegengesetzter Weise. Aber gerade dadurch ist es noch schöner. Es gibt viele Erklärungen dafür, warum Polen im Jahr 1919 Vilnius und sein Umland besetzt hat. Meine Erklärung: wegen seiner Schönheit. Seit den Zeiten Homers werden die grössten Dummheiten auf der Welt begangen, wenn die Schönheit den Leuten den Kopf verdreht. Die Polen sind geborene Ästheten, und Vilnius zieht jede ästhetisch veranlagte Kreatur an wie ein Magnet.

Vilnius ist geheimnisvoller und auf attraktive Art unvollkommener als Krakau. Das kann mit Worten nicht bewiesen werden, man muss es mit eigenen Augen gesehen haben.


5.

Das meiste über eine Stadt und ein ganzes Land erfahre ich in Buchläden, genauer, in der Lyrikabteilung. Wenn die Regalfläche mit Lyrikbänden nicht mehr als ein Hundertstel der Auslagefläche beträgt, dann ist alles in Ordnung -- das Land wird von rationalen Wesen beherrscht, Umstürze sind nicht in Sicht.

Beim Betrachten der gedruckten Verse wurde mir klar, dass Krakau eine sehr kulturvolle Stadt ist, in der die Genies und die Graphomanen in alphabetischer Ordnung friedlich nebeneinander leben. Und von den Einen und den Anderen gibt es etwa gleich viele.

Von den Litauern fand ich zuerst ein Bändchen von Knuts Skujenieks. Jawohl, er ist Lette, aber auch Ehrenmitglied des Litauischen Schriftstellerverbands. So wie Czesław Miłosz, der Pole, aber auch Litauer war. Einige Litauer halten Miłosz für einen Litauer und einige Polen ebenso, und manche Polen bezweifeln, dass Miłosz es wert war, in einer Kirche beigesetzt zu werden, weil er angeblich kein frommer Katholik und also kein richtiger Pole gewesen sei.

Nach tagelangem Stöbern in Buchläden fand ich auch ein Büchlein von Tomas Venclova mit dem Titel „Sejny-Gedichte“ in litauischer, polnischer, russischer und englischer Sprache. Außer Venclova, scheint es, gibt es in den Krakauer Buchläden niemanden, der die litauischer Literatur repräsentiert. Natürlich ist Venclova großartig und berühmt, aber bei einem Baum kann wohl kaum von einem Wald die Rede sein. Ich könnte sogar behaupten, dass es in den Krakauer Buchläden nicht einmal diese „Sejny-Gedichte“ gäbe, wenn Venclova nicht eng mit Miłosz befreundet gewesen wäre und wenn der in den USA lebende litauische Emigrant nicht mehrere Monate pro Jahr in Krakau wohnen würde. Ein geo-bio-grafischer Zufall. Lyrik als Beilage zur Anwesenheit am rechten Ort zur rechten Zeit.

Das ist auch nicht erstaunlich: Die Litauer sind von Alters her berühmt dafür, dass man von ihnen nichts weiß. Dafür wissen wir fast alles von den Polen, oder vielleicht nur so viel wie nötig. Denn in Litauen arbeitet unentwegt ein ganzes Dutzend hervorragender Übersetzer aus dem Polnischen.

Eine Asymmetrie? Jawohl. Doch was ist besser -- über andere Bescheid zu wissen oder selbst bekannt zu sein? Ich würde sagen, Bescheid wissen. Und meine Wahl ist richtig, weil es gar keine Alternative gibt.


6.

Einen gemeinsamen polnisch-litauischen Dichter habe ich noch nicht erwähnt: Adam Mickiewicz (litauisch: Adomas Mickievičius). Es mag möglich sein, dass man seine Bücher nicht bemerkt, aber sein Denkmal auf dem Rynek Główny, dem Krakauer Hauptmarkt, ist nicht zu übersehen. Die Litauer haben sich aus seinem gesamten Werk eine Verszeile genommen: Litwo! Ojczyzno moja! -- Litauen! Du meine Heimat! Die haben sie in ihre Nationalhymne aufgenommen. Alles andere von Mickiewicz haben sich die Polen angeeignet. Diese Aufteilung ist sicher richtig, doch geht auf sie vermutlich auch das ganze Durcheinander zurück. Fast alle Polen deklamieren von Klein auf den genannten Eingangsvers des „Pan Tadeusz“, der ihrem Bewusstsein und Unterbewusstsein diktiert, dass Litauen ein Teil ihres Heimatlands ist. Oder so ähnlich. Die Litauer dagegen haben eine etwas andere Version. Und es sind die geringfügigen Unterschiede zwischen diesen beiden Versionen, die in der Vergangenheit zu militärischen Auseinandersetzungen und einem jahrzehntelangen Kriegszustand geführt haben. Und zu einem bis in die Gegenwart andauernden Misstrauen.

Solche dummen Interpretationskriege haben zu territorialen Ambitionen geführt und sind in Blutvergiessen eskaliert.

Phänomene wie Mickiewicz geben mir Anlass, darüber nachzudenken, wie viel Litauen der Welt gegeben hat. Und besonders Polen.

Das heutige Litauen hat alle seine Literaten nicht-litauischer Sprache praktisch beiseite geschoben, weil es sie gleichsam nicht einordnen kann. Nur die wenigsten sind der Ansicht, dass Mickiewicz und Miłosz auch zur litauischen Kultur gehören.

Polen haben mir erzählt, dass sie Landsleute, deren Familiennamen auf „-iewicz“ enden, für Polen litauischer Herkunft halten. Ich selbst stamme aus der südlichen Žemaitija, wo viele Menschen leben, deren Nachname Mackus, Mickus oder Mockus lautet. In der Epoche der Polonisierung (die im Gegensatz zur späteren Russifizierung freiwillig war) haben sich viele, die Adelsprivilegien erwarben, auch eine „aristokratische“, also polnische Endung zugelegt. So entstanden Namen wie Mickiewicz, Mackiewicz oder Mockiewicz.

Eigentlich spekuliere ich hier nur. Vielleicht ist Mickiewiczs Familienname ganz anderen Ursprungs, aber es könnte sich ja rein zufällig auch so zugetragen haben. Die Zufälle sind es ja, die die schönsten Ergebnisse zeitigen. So wäre doch jüngst zufällig ein solcher Litauer namens Mockus, mit Vornamen Antanas, beinahe Staatspräsident von Kolumbien geworden.


7.

Geboren und aufgewachsen bin ich in der Žemaitija, im Dorf Bijotai. Vor zweihundert Jahren haben hier zwei Aristokraten gelebt: der Schriftsteller, Völkerkundler, Lexikograf und Aufklärer Dionysas Poška und der gewöhnliche Landadelige Norbert Paszkiewicz. Sie waren Brüder, und ihre Höfe lagen weniger als einen Kilometer voneinander entfernt, aber sie unterhielten keinerlei Kontakte, weil sich der eine für einen Žemaiten hielt und der andere für einen Polen.

Poška schrieb nicht nur in polnischer, sondern auch in litauischer Sprache. Als die Mitglieder des Studentenbunds „Szubrawcy“ an der Vilniuser Universität davon hörten, dass irgendein Landadeliger Texte in litauischer Sprache schreibt, machten sie sich sofort an das Verfassen von Spottschriften auf den „Litwomanen“.

Zehn Kilometer südlich von meinem Heimatdorf liegt Pilsūdas. Schon im sechzehnten Jahrhundert tauschten die žemaitischen Aristokraten, denen das Anwesen Pilsūdas gehörte, ihren Familiennamen Giniotai gegen den Namen Piłsudski ein. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts siedelten die Piłsudski aus der Žemaitija auf das Gut Zalava in der Nähe von Vilnius über. Dort wurde auch Józef Piłsudski geboren, der spätere Marschall von Polen, nach dem eine zentrale Straße in Krakau (und bestimmt auch in jeder anderen polnischen Stadt) benannt ist. Piłsudski war nach eigener Ansicht gente lituanus, natione polonus, also litauischer Abstammung und polnischer Nationalität, wie die meisten freiwillig polonisierten litauischen Aristokraten. Litauen konnte er sich nur als autonomes Gebilde in einer polnischen Föderation vorstellen. Er war litauischen Blutes und wurde einer der größten polnischen Patrioten aller Zeiten. Und das ist furchtbar schön.

Einerseits ist es seltsam, dass das polnische Heer, das 1919 das Vilniuser Gebiet besetzte, von einem Militär mit litauischer Abstammung angeführt wurde. Andererseits ist es ganz und gar nicht erstaunlich. Polen hat Litauen schon immer mit public relations, mit erfundenen Images beherrscht -- und manchmal auch, offen gestanden, mit Manipulation.

Polen hat schon im sechzehnten Jahrhundert Litauen mit Sprüchen wie „Schließ dich uns an; Pole sein ist cool“ anzulocken versucht. Und es hat funktioniert. Man könnte direkt neidisch werden, wie gut es funktioniert hat. Viele Litauer wurden polnische Patrioten und warben dann andere Litauer, es ihnen nachzutun. Viele Litauer nehmen den Polen diese Durchtriebenheit übel, aber eigentlich haben sie gar keinen Grund dafür, weil eine gewaltsame Polonisierung nie stattgefunden hat. Polen hat nur ein attraktives Image geschaffen.


8.

Meine Landsleute sind darüber erbost, aber mir scheint, dass der polnische Plan sehr human ist, der im Wesentlichen auf Folgendes hinausläuft: Man muss mit den Litauern nicht unbedingt Krieg führen und sie umbringen, wenn man sie auch so in Polen verwandeln kann. Mit Güte, Titeln und Geschenken.

Dem litauischen Adeligen Jogaila („joti gailiai“ bedeutet, „kräftig reiten“) haben die Polen die polnische Königskrone und die Hand ihrer minderjährigen Prinzessin Jagwiga angeboten. Jogaila (den die Polen dann Władysław II Jagiełło nannten) nahm die Krone, das Land und die Hand an. Nur das Herz der Prinzessin konnte er, so steht es in historischen Quellen (siehe zum Beispiel Norman Davies‘ „Im Herzen Europas: Geschichte Polens“), nicht erobern: Zeitzeugen berichten, dass Jadwiga während der schicksalhaften Schlacht bei Tannenberg gegen den Ritterorden inständig für eine Niederlage des litauisch-polnischen Heers und seiner Verbündeten gebetet habe. Zum Glück ist Jadwigas Flehen nicht erhört worden -- die von Vytautas (Witold) und Jogaila angeführten Verbündeten haben der westeuropäischen militärischen Elitemannschaft eine vernichtende Niederlage bereitet.

Zur Erinnerung an diesen unvergesslichen Sieg stehen in Krakau zwei Denkmäler -- ein berittener Jogaila und ein stehender Vytautas. Aus litauischer Sicht war Vytautas der bessere Stratege der beiden; er hat das Litauische Großfürstentum bis zum Schwarzen Meer und bis vor die Tore von Moskau ausgedehnt.

Es ist dumm, sich über Interpretationen der Geschichte zu ärgern -- ohnehin behalten in dieser Wissenschaft vom Zufall nicht jene die Oberhand, die mehr Beweise haben, sondern jene, die ihre Version besser präsentieren können. Public relations sind auf allen Gebieten entscheidend.


9.

Im Litauen des neunzehnten Jahrhunderts war das Ansehen der polnischen Sprache und Kultur derart übermächtig, dass viele Litauer ernst zu nehmende Minderwertigkeitskomplexe entwickelten. Bischof Antanas Baranauskas verfasste das Poem „Der Hain von Anykščiai“[3]
nicht einfach aus purer Eingebung, sondern vor allem, um den Polen zu beweisen, dass Lyrik auch in litauischer Sprache möglich ist.

Seither hat sich vieles verändert, aber die Kluft zwischen den großen Sprachen und Literaturen und den kleinen gibt es noch immer. Nein, ich muss nicht mehr beweisen, dass man
auch in Litauisch Lyrik verfassen kann. Nur im Ausland muss ich oft erläutern, dass die Litauer keine Russen und keine Polen und überhaupt keine Slawen sind. Polen ist eines der wenigen Länder, in denen man sich als Litauer kaum erklären muss. Die Polen wissen viel über uns, häufig vom Hörensagen (litauische Literatur wird noch immer wirklich selten ins Polnische übersetzt). Und da wir Litauer auch ziemlich viel über Polen wissen, mangelt es uns nicht an gemeinsamen Themen.

Was Völker gegeneinander aufbringt, ist meist mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Höchstens in einigen Zeitungen. Aber das sind Wegwerf-Zeitungen. Man muss nur ein Stündchen mit einem gebildeten Polen zusammen sitzen und die Widersprüche sind gelöst. Ich habe mich mehr als einmal davon überzeugen können, dass Polen die Litauer umso mehr mögen, je besser sie die Geschichte kennen.

Trotzdem kann man selbst in Zeitungen zu jedem Thema auch Tröstliches finden: Als ich in Krakau war, gingen die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage über das polnisch-deutsche Verhältnis durch die Medien. 1990 haben zwanzig Prozent der Polen die Deutschen positiv und achtzig Prozent sehr negativ beurteilt. Ein polnisches Sprichwort lautet in der Übersetzung ungefähr so: Besser mit dem Teufel Äpfel pflücken als mit einem Deutschen Freundschaft halten. Doch nach nur zwanzig Jahren ist es umgekehrt: Im Jahre 2010 sehen achtzig Prozent der Polen die Deutschen positiv.

Ich zweifle nicht daran, dass sich auch das litauisch-polnische Verhältnis normalisieren wird. Nur, warum gehen hier die Veränderungen so langsam vonstatten? Vielleicht weil das, was nicht begonnen wurde, auch nicht vollendet werden kann, weil das, was nicht weggenommen wurde, nicht zurückgegeben werden kann, weil nicht versöhnt werden kann, wer niemals zerstritten war. Dämonisierungen gründen sich meistens auf
Gerüchte.


10.

Missverständnisse entstehen durch Unwissen. Und sogar durch Lügen. Manchmal sind solche Lügen böswillig und manchmal unschuldig.

In der Krakauer Villa Decius, deren Gastfreundlichkeit ich mit fast zehn Kollegen teilte, wohnte neben mir der ukrainische Schriftsteller Saschko.

Einmal fragte er mich, ob ich von der tollen lettischen Sängerin Alina Orlowa gehört hätte.

Ich sagte ihm, dass ich nicht nur von ihr gehört, sondern sogar schon mit ihr gesprochen habe, weil sie nicht aus Lettland, sondern aus Vilnius und eine russische Litauerin ist. Ich habe noch hinzugefügt, dass sie nicht nur komponiert, Lieder schreibt und schön singt, sondern auch interessant zeichnet. Dann ging ich ihre Zeichnungen für ihn im Internet suchen. Dabei fand ich heraus, dass Alinas richtiger Name Orlowskaja und sie in Wahrheit keine Russin, sondern Polin ist. Per E-mail fragte ich bei gemeinsamen Bekannten nach, wie das zu verstehen sei. Sie haben mir bestätigt, dass beide Eltern von Alina polnische Muttersprachler sind.

Und kurz zuvor hatte ich noch allen erzählt, dass in Litauen zwar sechs oder sieben Prozent der Bevölkerung Polen seien, ich persönlich aber keine polnischen Litauer kennen würde. So erlebte ich ein weiteres Mal, dass in unserer Gegend nichts wirklich gewiss ist.


11.

Als ich erfuhr, dass ich ein HALMA-Stipendium für zwei Monate erhalten habe, beschloss ich, die Hälfte der Zeit in Krakau zu verbringen. Dafür hatte ich verschiedene Gründe, aber der wichtigste war, dass ich mein Polnisch verbessern wollte.

Beim Polnischlernen überkam mich ein seltsames Gefühl, weil fast bei jedem dritten Wort meine Kindheit in mir aufstieg. In der Vorschulzeit wurde ich von ciocė[4]
Julikė betreut, die, glaube ich, 1906 geboren wurde. Sie hatte keinen Schulabschluss und war Analphabetin, aber kannte viele Lieder, Sagen und Märchen. Jetzt begreife ich, dass sie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts noch jene von Polonismen durchsetzte Sprache gesprochen haben muss, die in Litauen verbreitet war bevor die Slawismen durch Sprachreformen im frühen zwanzigsten Jahrhundert abgeschafft wurden.

Viele polnische Wörter muss ich gar nicht lernen, weil ich noch aus der Kindheit weiß, was z.B. ratavoti, spacieravoti, nerušioti, budavoti, cekaunas, macnas[5]
bedeutet. Wenn es diese drastische Sprachreform nicht gegeben hätte, würde ich vermutlich heute polnisch schreiben, Leser in Polen haben und selbst gente lituanus, natione polonus sein. Es ist unsinnig, zu überlegen, was wäre, wenn es so gekommen wäre, denn es ist am besten so, wie es ist.

Die jahrhundertelange Verbindung unserer beiden Völker hat zu einer schmerzhaften Scheidung geführt. Die Polen fühlen sich moralisch verletzt: Wie konnten wir Litauer die großartige Idee des gemeinsamen Staates verraten? Die Litauer können bis heute den Verlust von litauischen Gebieten und andere Ungerechtigkeiten der Teilung nach fünfhundert Jahren nicht vergessen. Freude ist etwas Gemeinsames und Gleichartiges, Kränkungen sind unwägbar und unvergleichlich. Es ist ein Privileg der Starken, verzeihen zu können und keine Kraft zu vergeuden auf Versuche, Unwiederbringliches zurück zu holen. Ich weiß, dass mein Land stark ist und sich das nur noch nicht eingestehen kann. Ich hoffe, dass auch Polen das Schweigen brechen wird, denn es gibt viel zu bereden.



[1] Litwomany, polnisch für Litauenschwärmer (zusammengesetzt aus „Litwo“- Litauen und „Mania“ – Manie), pejorative Bezeichnung für litauische Patrioten

 

[2] die Orthographie in den frühen litauischen Druckerzeugnissen des 19. Jahrhunderts war stark an die polnische angelehnt [Anm. C.S.]

 

[3] „Der Hain von Anykščiai“, ein Poem, das Antanas Baranauskas (Antoni Baranowski, 1835-1902) 1858/1859 in seiner ostlitauischen Heimatstadt Anykščiai verfasst hat, gilt als Höhepunkt der litauischen Literatur des 19. Jahrhunderts und als eines der schönsten Werke in litauischer Sprache überhaupt. [Anm. C.S.]

 

[4] Tante (litauischer Polonismus)

 

[5] retten, spazieren, nicht berühren, bauen, neugierig, mächtig


Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig