Walisischer Originaltext
Siân Melangell Dafydd

Am ersten Mai komme ich mit einem Maiglöckchensprößling als kleinem Frühlingsboten aus Paris mit viel zu leichter Kleidung in meinem Koffer um Mitternacht an. Ich erreiche Sylt nach 12 Stunden Zugfahrt. Einen Ort, der nicht existiert, so jedenfalls mancher Leute Aussage: es gibt keine Insel in Deutschland, stimmt’s? Klingt es wie Englisch ‘silt’: Lehm, Modder, Matsch, Land voller und manchmal hervortretendem Wasser? Und um Mitternacht dieser Nacht weiß ich nicht, daß das Meer, das ich höre, so nahe ist, daß die Grenzen der Insel formunbeständig sind und daß das Taxi mit mir zu ihrer Schwachstelle fährt, bei Rantum, wo die Insel nur 500 Meter mißt. Dort besteht die Gefahr, daß die Insel in zwei Teile gerissen wird, wobei sie dann das Dorf Hörnumim Süden vollständig verliert.
Die Silhouette von Sylt erinnert an eine Frau, die mitten in einer Pirouettendrehung ist, einer fouetté rond de jambe ên tournant. Entschuldigung, daß ich mich der Balletterminologie bediene, aber diese trifft es genau. Die Art der Pirouette, die mehr gepeitscht als normal gedreht wird, wobei ein Bein 45° zur Seite rauszutrecken ist und den Impuls zu einer ganzen Drehung gibt, die Pirouette, für die die Aschenputteltänzerin berühmt ist, sie 32 mal zu schaffen, vorausgesetzt, sie hat genügend Ausdauer, Kraft und Technik, und alles, ohne sich auch nur ein µ vom Platz zu bewegen.
Hörnum zu ihren Füßen ist der Pirouettendrehpunkt, Rantum an ihrem Oberschenkel, das Waterlandhotel der Hauptstadt und der Bahnhof sind in ihrem Bauchnabel, der Ort List ist ihr Kopf, ihr Sandarm ist mit angewinkeltem Ellenbogen erhoben und Sylt-Ost ist wie das Schwungbein, über das sich der Zug schlängelt.
Soweit ich weiß, kann Sylt die Drehung nicht vollständig ausführen: sie bewegt sich von der Stelle; die Tänzerin zerreißt unterhalb des Oberschenkel manchmal in zwei Teile (im Winter ’62 zum Beispiel, war Hörnum auf Abwegen) und die Vorstellung ist noch nicht vorbei. Es handelt sich hierbei nicht um die Achillessehne, sondern um den Oberschenkel von Sylt. Zu dieser Schwachstelle fahre ich. Egal, es ist nachtdunkel, den Koffer an den Holztischen vorbei über Sand und Kiesel und unsichtbaren Klee entlangzerrend, ziehe ich in die Wohnung in sylt: quelle, einer Kunsgalerie, am letzten Ende der Straße, wo die Seitenwände der Gebäude mit Kindern be-malt sind, als sollten die Kinder nach dem Spielen auf dem Heimweg nicht verlorengehen: aber es gibt keine Kinder. Nur den Wind und die drei Traurigen aus Holz, nein Bronze, mit den nackten gespaltenen Füßen, die einen Wal um den Rand der alten Insel herumtragen, wieder und wieder (die Plastik Fischträger von Trak Wendisch, die ich liebte und fürchtete). Ihr Gestöhn ist das Heulen des Windes, natürlich...
Mit meinem Zuhause allein: Nichts erkenne ich davon, bevor ich am Morgen aufstehe; Müdigkeit verklebt mir die Augen, aber ich bin entschlossen, etwas zu erkennen. Und dann, als ich vom Schlafzimmer in die Küche gehe, die gleichzeitig Arbeitszimmer ist und auch eine große Wohnstube, sehe ich keine Wand, sondern ein Fenster, vom Boden bis zum Dach: die Erde vom Mitleid des Windes gescholten, der Himmel weit und breit blau und ein anderes Glasgebäude vor mir, sylt: quelle, eine Blase zwischen zwei Ebenen. Und dort, mitten durch die Mitte des runden Gebäudes, bohrt sich eine Leitung gesunden Wassers, das es auf der Insel gibt, so als ob sie das Gebäude und seine Kunst in der Erde verankern würde, so für alle Fälle. Zwischen den zwei Gebäuden kratzen Korbstühle mit ihren orangefarbenen Kissen über den Platz hin zur Flut (flood, eine andere Skulptur, deren blaue Worte von der Erde der Insel überflutet sind; hm..., eher in sie reingesetzt sind wahrscheinlich, eine Arbeit von Richard Kelly Tipping) und diese selbst zum Meer (das ist normalerweise die Richtung des Windes). Und das Spiel geht so: die Kellner binden die Stühle an die Tische, der Wind zieht sich zurück. Sie losbinden heißt: Sekunden später bewegt sich irgend etwas Orangefarbenes ruckartig in den Augenwinkeln, als würden Krabben über den Sand huschen...
Nun raus mit mir, jedes mögliche Kleidungsstück aus meinem Koffer an meinen Köper. Der blaue Himmel hier ist trügerisch. Es gibt nur eine Anzeigetafel, die man als Wegweiser erkennen kann, doch worin liegt der Sinn zu wissen, wieviel Kilometer man zurücklegen muß, um zu einem anderen Stück des Landes zu gelangen, sag? Auf einer Insel bin ich jetzt, oder etwa nicht. Aber einer möglichen Richtung kann ich hier doch folgen: hinauf. Es gibt ein offizielles blaues Zeichen mit einem Pfeil nach oben darauf: AIRPORT lese ich zuerst. Aber tatsächlich zeigt es AIRPOET. Ich laufe hin, und gleichzeitig auf das Lied eines Vogels zu, der mich für drei Wochen mit seinem schrillen ki-witt, das man vom Strand und von der Küche beim Abendbrotzubereiten hört, durcheinander bringt, ei-ne verspielte Zwickmühle.
Es ist der Kiebitz. Letztendlich sehe ich ihn als ich mit dem Fahrrad um Sylt-Ost herumfahre, in der Mitte des Weges stoppe und darauf warte, daß er singt und ihn dabei, still in einem Feld, entdecke: Sieg! Er ist es, der weit über den Bäumen aufspielt, scheinbar unregelmäßig erst auf- und dann wieder absteigt, bevor er sich selbst rettet und erneut mit seinem Ruf erhebt. Der Poet der Lüfte ist der Kiebitz.
Im Moment ist mir meine Zwickmühle egal, ich laufe weiter entlang der Küste und sehe niemanden. Ich sehe Lämmer an kleinen Stränden. Austernfischer streiten auf einer Landzunge, die ins Meer führt, die aber nur da ist, weil sie aus dem Schutt alter Häuser aufgeschüttet wurde: Einige Brocken sind noch erhalten und lassen erkennen, daß es Mauern waren, daß sie zusammengehören, Teile von Bauten, die kaum etwas anderes gewesen sein können als Häuser, Rauchabzüge, nicht einfach nur Ziegelsteine, es ist als wäre noch irgendetwas Heimisches in ihnen. Und zwischen den Ziegelsteinen: Die Austernfischer streiten miteinander und stehen sich im Karree gegenüber. Erneut entdecke ich, daß die Dinge auf Sylt neu sind, denn diese künstliche Zunge ist ein Ort des Ausruhens des Alten. Auf der Insel gibt es Häuser, die wie Pilze dicht gedrängt stehen, Reetdach und irgendetwas Niedliches an ihnen, aber es sind keine vergleichbar bescheidenen Häuser, schwer zu erkennen, daß die schönen Dinger in Wirklichkeit Villen sind, jedes einzelne von ihnen. Und die einjährigen Reetdächer, das Holz der wenigen Türen, die erkennen kön-nen, daß sie wieder am Meeresufer sind, perfekt, außer einem Ort.
‘Du mußt zu Raantum Inge gehen und dich dort umsehen,’ sagte jemand zu mir in der Universität Kiel, Deutschland, als ich dort in der ersten Woche zu Besuch war. Und wie soll ich einen kleinen, ganz bestimmten Ort, selbst auf einer Insel, finden, dachte ich, und bemerkte dann, daß dies das einzige Haus war, von dem ich am ersten Tag ein Foto gemacht hatte. Eine Büste hängt, wie die Galionsfigur eines Schiffes, blau, rot, gold mit Gravierungen über der Tür, ‘Raantem Inge 1818’ unter ihrem Steingiebel, und die Tür, als wäre sie offen, offen geschlossen, kein Rasen, ein Feld von hohem rotköpfigem Klee bis zur Auffahrt. Die Wetteruhr in ‘Raantem Inge 1818’ ist auf die Sonne angewiesen, die Wand unter ihrem Ziffernblatt ist unter der 12 stark gerissen. Moos und sogar Gras wachsen auf dem Reetdach: Leben für den Staub. Ich wage mich an die Fenster und stecke meine Nase durch ein Spinnennetz. Blaue Tiere auf weißen Kacheln auf jedem Vorsprung, versuche, sie zu erkennen, indem ich sie auf den Kopf gestellt ansehe: Hase, Hirsch, Hund. Das Blau einiger ist zer-laufen. Hinter einer etwas geöffneten Tür ein Zimmer: ein weißer Schaukelstuhl und ein privater Frühstückstisch neben dem Bett, das schon gemacht ist, Bettuch und Decke und Staub. Ein schmutziger Wäschekorb, der voller Geschirrtücher ist, steht auf der Waschmaschine. Die schweren Stühle im Eßzimmer sind nicht ordentlich unter den Tisch geschoben und treten sich dort unter den Spitzentischdecken in die Hacken.
Das war nur das erste Mal. Ich fliehe von hier, nachdem ich Geräusche wie von tausend Wespen höre, ich verstehe es nicht, aber ich habe den Eindruck, daß irgendetwas sein Will-kommen zurückhält. Der zweite Tag, ich begreife, daß es das gegeneinanderschlagende Getreide war, das das Geräusch verursachte, und schreite hinein. Es entwickelt sich zu einer täglichen Pilgertour, der angeschlagene Norden. Bevor die Bewohner ihn in Hatz verließen, benutzten sie die gleiche Zahnpasta wie ich, und glaubten auch an Glühlampen als effektive Energiequelle, vergaßen die Vorhänge zuzuziehen.
Und, wie am ersten Tag, ohne jemanden zu sehen, durchquere ich die 500 Meter und entdecke einen weitläufigen, langen Strand: der Wind leckt ihn ab. Und da die Erfindung: die Strandkörbe. Nein, keine Körbe, um irgendetwas hineinzule-gen, wie Muschelschalen, Steine, Buch und Handtücher, sondern Menschenkörbe. Vielleicht sollte man Käfig sagen. Korbhöhlen mit weiß-blauen Sitzen darin. Und dort sind sie, diesen und den anderen Weg entlang den Strand säumend, halten sie eine Versammlung ab, kleine Sonnenoasen denjenigen bietend, die Ruhe wollen. Und dann, Kopfzerbrechen: Wo bin ich? Und die Sonne verbrennt mich in meinem Zu-fluchtsort: Nase, Knöchel, Füße, während der Wind gegen die Rückwand des Korbes schlägt.
Dann überkam mich eine Bessenheit, die bis heute anhält, eine, die vor Wochen, in Kettle’s Yard, in Cambridge, leise Fuß faßte. Eine Besessenheit an ebenmäßig rund geformten Steinen, die wie eine Perle in meinen Handteller passen, die sich als perfekte Überraschung der Natur selbst anbieten, manchmal. An diesem ersten Tag, beim Sitzen im Korb, bemerke ich einen runden feldmausgrauen Stein im Sand und halte ihn fest, in meinem Kopf das Entzücken über die Worte des Kustos Jim Ede:
Des Dichters Vision ist ein Akt robuster Rarität – Ich sage robust, da sie unverletzbar ist, und rar, da es so artikuliert ist. So ist es auch mit einem wohlgeformten Stein – man kann eine weite Küste durch- oder viele Flüsse aufsuchen und nie einen finden, und dann, plötzlich, liegt er vor dir – eine Auftragsein-heit, geformt im Auftrage der zahllosen Wandel des Laufes der Natur... Einmal in einer Generation und auf einem Kontinent finden wir einen perfekten Kiesel, vielleicht....

Ich versuche mich ein wenig an dem Geheimnis, das er hütete, als er sich daran machte, sein Zuhause zu erschaffen, versuchte, etwas von dieser Robustheit und Rarität zu kreieren, sich mühte, Kettle’s Yard irgendwie eine häusliche Form einer kreativen Heimstatt zu geben. Ich halte den Stein und benutze ihn als Punkt am Satzende bei meiner schriftstellerischen Arbeit in der Wohnung. Ausbreiten der ‘Planungs’arbeit meines Projektes, also alle A-4- Seiten der einzelnen ‘Elemente’ entlang des langen Küchenfundaments und wegführend vom Fenster und dem wechselnden Ausblick platzieren, der Stein (mit der Lilie nach vorn) markiert das Ende der Chaine operatoire, der Prozeßreihe. Das Meer wird auch ins Schreiben einbezogen und sein Knabbern an den Rändern, erst als versteckte und dann als fundamentale Metapher, die Erkenntnis durch Erosion offeriert.
Aber die tägliche Pilgertour ist Raantum Inge 1818 und der Grund, Papier und Bildschirm zu verlassen; den flachen Schlamm zu durchqueren, das Glas zu verlassen und die Füße in den Schmutz zu stecken, die Gesellschaft der Schwalben zu suchen (das ist der Vorteil von Reetdächern) – immer ein Dutzend von ihnen, wie Federbälle entlang der Wege, die die Lämmer gerissen haben, spielend. Der Wind schrubbt an der Haut, das Gras peitscht gegen die Schienbeine, und manchmal entdeckt man ein Rinnsal, das vorher nicht dort war und sich jetzt seinen Weg durch den Lehm bahnt, und dann muß ich erst meine Tasche und dann mich hinüber auf die andere Seite schleudern. Oft ist ein Adler in der Luft. Und ich war auch dort, denn jetzt hat die Brutzeit begonnen, und der Weg bis zum Rantumbecken ist gesperrt, halte, wo Schwärme zum Brüten ausruhen, Ausschau nach zuckenden Bäuchlein, und laufe und laufe, die Schuhe beim Umher- statt Auf-die-Erde-sehen zermarternd. Der Tagebucheintrag eines Tages sagt folgendes, ganz simpel: Sanderling, Zwergstrandläufer (als es noch zu kalt für die Nacktbader ist), Uferschnepfe (hunderte nisten hier mit Bäuchen, die vom Schlick ihrer Behausungen rot sind), Sanderling, Regenpfeifer und Schnäbler (an dem ganz kleinem Strand, wo manchmal Lämmer sind), Rotschen-kel, streitende Austernfischer, Kanadagänse, Reiherente (in ihren Schlickbehausungen zu sehen), Schwalben, Schwalben (überall zu Dutzenden ... die, die ich am meisten vermisse. Sie sind es, die Freude haben) und der Kiebitz... Ich stapfe, mein Notizbuch auch. Um warm zu werden, trinke ich Kaffee und esse einen Schokoladensplitter, der in sylt: quelle mit dem Kaffee kommt.
Und dann Seeschwalben: oft sieht man zwei auf einmal. Eleganter Flug, göttlich, bald genug, um alles um sie herum zu beruhigen (natürlich nur so lange sie nicht ihren Schnabel mit ihrem schneidenden Gesang öffnen). Und für eine Waliserin aus den Bergen, sind sie, obwohl sie zu Hunderten an der Kü-ste zu Hause zu sehen sind, eine Überraschung. Man muß erst nach Deutschland kommen, auf diese Insel, um zu staunen, zu sehen und sich wirklich an die Art der Meeresgeräusche zu gewöhnen. Wenn man von zu Hause weg ist...
An manchen Tagen fehlt der flache Schlamm. Die Flut kommt rein, zieht sich zurück und hinterläßt Schlick, der aussieht, als wäre er ein alter Felsen; wenn er vertikal läge, wäre er ein perfekter Felsen zum Klettern mit solchen Rissen, wie man sie für Finger und Hände benötigt. Aber nein, es war Schlick, der unter den Füßen etwas nachgab, obwohl er fest und geschuppt aussah. Kommen und von Veränderungen abhängen, auf schwachem Land, einen Weg hingehen und eine halbe Stunde später nicht mehr den gleichen Weg zurückgehen können. Verständnis für die formunbeständige Kleidung, die die Tänzerin Sylt trägt, und die Art und Weise, wie sie sich daran festhält und dann wiederum nicht. Und wie ich versuche, in den Schlaf zu fallen, drehen sich meine Gedanken um die Drei von Trik Wendisch und ihren Wal unter den grünen Spotlampen, die am Inselsaum in der Dunkelheit entlanglaufen und laufen, ohne genau zu wissen, wo es dieses Mal hingeht.
Und dann: Frieda. Am Pfingstwochenende ändert sich das Wetter, das gleichzeitig eine Flucht von Touristen in großen Autos bringt. Ich wende mich dem Wasser zu. Glühende Sonne kommt auf und der einheimische Künstler kommt mit ro-tem Hut, um mich im Sand zu verwurzeln. Und als die Flut Schiffbruchteile an Land spült, kann man gut sehen, was diese einmal waren, Frieda kommt und Inge folgt ihr. Ich verstehe also, ich lerne, daß es eine Geschichte zum Mädchen Inge von dem leeren Hotel gibt. In Hörnum, dem südlichsten Punkt der Insel, lebte ein Meeresungeheuer oder Meermann, Ekke Nekkepenn genannt, und dieser stahl die Jungfrau, Inge von Rantum genannt, und weigerte sich, sie freizugeben, es sei denn, sie errät seinen Namen. Natürlich ist es Ekke selbst, der, als er ein Lied singt, in dem er die Absicht verkündet, sie zu heiraten, zufällig seinen Namen verrät.
Ich heiße Ekke Nekkepenn,
Meine Braut ist Inge von Rantum,
Und das weiß Niemand als ich allein.
 Ganz allein forderte Inge ihre Freiheit ein, indem sie rief: „Du heißt Ekke Nekkepenn und ich bleib Inge von Rantum!“ Man kann ja vieles über schlechte Geister sagen, aber die schlechten Geister von Sylt sind wie andere auch: sie halten Wort. Er ging. Aber Inges Zuhause ist inzwischen auch unter Wasser gegangen: ihr wirkliches Zuhause. Das Rantum, was man auf dem Atlas heute sieht, ist das neue Rantum, aber ein guter Geist; ein weißes Mädchen sieht nach dem verlorenen Land. Und wo ist Geist Inge nun? In dem Hotel, das kurz davor ist, abgerissen zu werden und Platz für streitende Austernfischer zu machen.
Und ich erkenne, auf welchem Land ich täglich gehe, es ist das Land, das an das verlorene Rantum grenzt, wie das walisische Cantre‘r Gwaelod, das Opfer für die Sicherheit Inges. Davon erfahre ich im Garten einer Reethütte gegenüber dem flachen Schlamm und im Studio eines Künstlers dort; denkend an mich, läuft er jeden Tag von links nach rechts, rechts nach links, um mich von diesem Garten aus zu sehen, mich in meinem Wollhut und mit Sonnenbrille.
Ich schreibe, bis die Sonne mich in meiner Wohnung blind macht, gegen vier Uhr; Meeresalgen im Korb essen; Sushi von Sansibar mit deutschem Prosecco und Erdbeeren darin verzehren, Manuskript und roten Stift in meiner Hand; ich wache am Morgen auf und sehe draußen vor der Tür einen Zettel mit einem Schal in meinem Lieblingsgrün und wie ein Seetangwedel aussehend als Geschenk vom Inselgeist, mit Worten, die die Hoffnung ausdrücken, daß die Arbeit gut vorangehe; am Morgen der walisischen Heiligen Melangell sehe ich die Dämmerung über dem flachen Schlick aufziehen und gehe nach Hause, um einen Hasen zu verschrecken, der dann vor mir selbst am Strand entlang davonrennt; ich lerne über den eigenen Schatten zu springen (über meinen Schatten zu springen).
Wie wohl eine Insel verlassen außer über das Wasser? Ich vergesse den Zug; reise statt dessen nach einem königlichen Frühstück in sylt: quelle mit der blauen Fähre und ihren roten Sitzen ab. Für ein letztes Mal: Mein Kopf ist nach all dem Wind durchgelüftet. Zurückblicken: Als ob gelb sich aus blau entwickelt, flüstert einer zum anderen, als ich nach Dänemark geweht werde; ein letzter Peitschenhieb der Haare der Insel von List, verpufft. Und die Leute fragen mich immer noch: Seit wann ist eine Insel Teil Deutschlands? Die Antwort sollte lauten: Wie lange noch?


Aus dem Walisischen von Sabine Heinz


Sabine Heinz, geboren 1963 in Berlin. Studium der Anglistik, Slawistik und Keltistik an der Humboldt Universität. Doktorstudium in Übersetzungswissenschaften. Habilitation in Linguistik an der Universität Wien. Übersetzt u.a. aus dem Walisischen und Englischen. Zahlreiche akademische und nichtakademische Veröffentlichungen sowie Übersetzungen, u.a. Welsh dictionaries in the twentieth century: a critical analysis (LIN-COM EUROPA, München, 2003) und Eia Popeia, eine Übersetzung von Angharad Tomos's Si Hei Lwli (The Edwin Mellen Press, Lewiston, 1994).