


Das Auge von Minsk im Gorki Park war geschlossen. Eiszapfen hingen von den Rändern der Metallspeichen. Einzig Haufen aus neuem Schnee, die vage auf die Stadt hinunter starrten, bevölkerten die baumelnden Sitze des gewaltigen Riesenrades. Darunter kuschelte sich ein Karussell aus riesigen Schwänen, still und eisig, die Plastikflügel zum Schutz vor der Kälte geschlossen.
Zuerst schien sich im Park nichts zu bewegen - bei fünfundzwanzig Grad unter Null erstarrt fast alles -, aber dann jagte ein Junge auf einem Schlitten durch den Wald, von einem kleinen Hügel her von seiner Mutter beobachtet. Weiter entfernt fand ich eine Gruppe von Menschen, die an Eisskulpturen herummeißelten, sie formten Miniaturburgen, Schachfiguren, Tanzbären. Am Ufer des gefrorenen Swisloch, bei Dämmen und Brücken, wo offene Stellen im Wasser das näherrückende Eis abwehrten, sammelten sich alte Männer und Frauen und junge Paare, um die Scharen von überwinternden Enten zu füttern. Vor dem Hintergrund von Fabrikschloten und hoch aufragenden Wohnblocks angelten Männer durch Löcher im Eis, saßen auf Stahlkisten und trugen dicke Pelzmützen, sie schienen in den Strömungen dort unten Geheimnisse zu lesen. Fußspuren zogen sich kreuz und quer über das Eis auf dem Fluss, sie führten vor und zurück und verschlangen sich zu geheimnisvollen Kreisen. Wenn man genau hinsah, gab es überall Spuren von Bewegungen.
In einem kleinen Nachtclub in der Nähe der weißrussischen Nationalbibliothek - ein riesiges kugelrundes Gebäude, erleuchtet von hunderten von blinkenden bunten Lampen, die es einer riesigen Diskokugel ähneln lassen -, erklärte mir ein Musiker, dass die an diesem Abend dort auftretende Band traditionelle weißrussische Stücke spielen werde. Er wartete ungeduldig darauf, dass sie damit aufhörten. Er war als nächster an der Reihe. „Was machst du für Musik?“, fragte ich. „Elektronika“, sage er. „Avantgarde-Elektronika.“ Ich wusste nicht so genau, was Avantgarde -Elektronika eigentlich war - und ich weiß es noch immer nicht genau. Was folgte, überschritt haarscharf mein musikalisches Begriffsvermögen - ein frenetischer Sprechgesang vor zerhackten Feedbackschleifen, willkürlich erzeugtem Piepen und elektrischem Kreischen, es klang so ungefähr wie eine Bande von mechanischen Katzen, die gerade erwürgt wird. Danach teilte mir der Musiker mit, dass diese experimentelle Musik vor allem in Minsks „Untergrundszene“ Gehör finde. Und doch, dachte ich, teilte er Bühne und Publikum mit der Folkgruppe. Wie die neue Bibliothek, die das geschriebene Erbe des Landes in einer riesigen Glitzerhalle beherbergt, schien der Abend eine gewisse Eigenart der Stadt wiederzuspiegeln: die bisweilen inkonsequente, manchmal schrille, oft verwirrende Mischung von Tradition und Moderne.
Die beste Illustration für diese Tatsache war vielleicht in einem anderen Park zu finden. Im Janka Kupala-Park steht das Standbild dieses großen weißrussischen Dichters zwischen den Bäumen und versucht, einen verstohlenen Blick auf einen Springbrunnen zu werfen, der einige hundert Meter entfernt steht, hinter seiner linken Schulter. Schmachtend über den Brunnenrand drapiert sind zwei junge Frauen - prachtvoll in Marmor geformt -, die Blumenkränze in das gefrorene Wasser werfen. Der Springbrunnen ist dem uralten weißrussischen Iwan Kupala-Fest gewidmet und ermöglicht einen vorsichtigen Blick in die mündliche Überlieferung Weißrusslands - eine Überlieferung, die von Volkskundlern, Schriftstellern und Dichtern im 19. und frühen 20. Jahrhundert entdeckt und neubelebt wurde. Wie bei vielen vergleichbaren Projekten im damaligen Europa schlug sich darin ein entstehendes Nationalbewusstsein nieder, das sich aus eben dieser Überlieferung speiste. Sie wurzelte in der beobachteten (und auch imaginierten) Kontinuität uralter Volkskultur. Aber man brauchte nur an den Rand des Parks zu gehen, um zu erkennen, wie abrupt dieses Projekt zum Stillstand gekommen war. In Minsks breiten, geraden Straßen und den gewaltigen Palästen des stalinistischen Neoklassizismus sieht man die gigantischen Fußspuren von Modernität und Herrschaft des 20. Jahrhunderts.
Welche neuen Fußspuren in Schnee und Eis des Minsk unserer Tage geformt werden, konnte ich nicht sagen. Ihre genaue Gestalt und Ausrichtung schienen sich meinen Blicken immer wieder zu entziehen. Ich konnte nur Zeichen und Spuren sehen, Hinweise auf Bewegung und Vitalität, die wie die Kränze, die die jungen Frauen in das Wasser des Springbrunnens werfen, auf Ziele deutend, die ich nur raten kann. Unter dem Eis des Flusses stieg und sank und kreiste die Strömung.
(Aus dem Englischen von Gabriele Haefs)








