


Mitten in Europa
Nach französischen Berechnungen liegt der Mittelpunkt Europas etwas nördlich der litauischen Hauptstadt Vilnius. Die Staaten Weissrussland, Estland und Litauen, in denen ich dank der Unterstützung des Netzwerks europäischer Literaturinstitutionen Halma und der schweizerischen Kulturstiftung Pro Helvetia einen Teil des Sommers 2009 verbringen durfte, bilden somit das eigentliche Kernland des Kontinents. Gleichzeitig liegen sie aber an einer ziemlich scharfen Trennlinie, dies- und jenseits der EU-Aussengrenze. Die nachfolgend beschriebenen Begegnungen sind also gewissermassen Eindrücke aus einem Erdteil, der im Herzen getrennt ist.
»Anarchie« in Minsk
Vor der Lesung gehe ich noch schnell pinkeln. Ich bin etwas nervös, schliesslich habe ich ja noch nie ausserhalb des deutschen Sprachraums gelesen. Als ich allein in der kleinen Zelle im Untergeschoss des Museums für Geschichte der weissrussischen Literatur in Minsk stehe, hinter mir eine trübe Funzel, vor mir unverputzter Beton, nimmt meine Nervosität wohl sogar noch etwas zu, denn mir geht durch den Kopf, dass vor fünfundsechzig Jahren hier eine einzige Trümmerwüste war, die deutschen Besatzer die zu einem grossen Teil jüdische Bevölkerung der weissrussischen Hauptstadt fast vollständig ausgelöscht hatten. Heute stelle ich mir das Leben hier zumindest nicht ganz einfach vor, unter der »letzten Diktatur Europas«, wie das Regime Aljaksandr Lukaschenkas in der westlichen Presse gern genannt wird: Nicht wenige Minsker so um die Dreissig scheinen schon Bekanntschaft mit dem hinteren Teil der grünen Polizei-Kastenwagen gemacht zu haben, einige Gegner des Regimes verschwanden, ohne dass man je wieder von ihnen gehört hätte, andere kamen etwa wegen »vulgären Sprachgebrauchs« in der Öffentlichkeit wochenlang hinter Gitter. Werden die Leute, die oben im Saal warten, da nicht einfach den Kopf schütteln, wenn ich vom traurigen Los psychisch Kranker und Drogensüchtiger in der Schweiz lese? Werden sie nicht sagen: Das sind doch Luxusprobleme, schau dich doch mal bei uns um!
Zu meinem Erstaunen kommt mein Text dann aber ganz gut an. Die zwanzig, dreissig Leute im Saal bringen das depressive Friedli aus dem Berner Oberland und seinen Sohn, den Junkie Fibi, sogleich mit Underdogs aus der weissrussischen Literatur in Verbindung, die an Underdogs überhaupt reich zu sein scheint. Besonders pfiffig dünkt die Leute offenbar, dass ich vom Friedli und vom Fibi nicht in ordentlichem Standarddeutsch erzähle, sondern in einem Gemisch aus Dialekt und Hochsprache, das Sergei, der Übersetzer, mit einem Mischmasch aus Russisch und Weissrussisch wiedergibt. Ich bedaure, habe ich mit dem Powerkurs Russisch – Lernen Sie Russisch in 4 Wochen! erst eine Woche vor dem Abflug nach Minsk begonnen. Mir entgehen alle Feinheiten der Übersetzung. Ich bin froh, höre ich ab und zu die Namen »Fibi« und »Friedli« aus dem slawischen Silbensalat heraus.
Sergei übersetzt für mich, dass es mir unpassend schien, über Menschen, die nicht der Norm entsprechen, in normiertem Deutsch zu schreiben. Die dialektalen Einsprengsel seien Ausdruck der Auflehnung gegen Normen, denen Leute wie das Friedli und der Fibi nicht entsprechen könnten. Wie sich herausstellt, hat das Weissrussische im heutigen Weissrussland diesen Auflehnungscharakter noch viel ausgeprägter: Nicht jeder Weissrusse kann Weissrussisch, man spricht es vor allem auf dem Land. Während der kurzen demokratischen Phase in den Neunzigerjahren wollten die stärksten politischen Gegner Lukaschenkas, die Nationalisten, Weissrussisch aber zur einzigen Landessprache machen. Deshalb ist Weissrussisch beim – Russisch sprechenden – Regime verpönt, ihm haftet der Ruch des Oppositionellen an – wie überhaupt fast allem, was an eine von Russland unabhängige Geschichte erinnert, mittelalterliche Dudelsackmusik zum Beispiel oder die Farben Weiss-Rot-Weiss, ein Symbol des Grossfürstentums Litauen, zu dem Weissrussland im Spätmittelalter gehörte. Hält mich das Publikum jetzt für einen Oppositionellen? Jedenfalls lädt mich ein Dichter, der eine weiss-rot-weisse Umhängetasche trägt und ebenfalls Sergei heisst, in gebrochenem Englisch für nach der Lesung zu einer Dudelsackmusikveranstaltung ein.
Sergei scheint wirklich ein sehr beliebter Name zu sein. Ein dritter Sergei, ein angehender Arzt, der ein paar Jahre in Berlin lebte, erzählt in akzentfreiem Deutsch, auch in Weissrussland kenne man die Probleme mit harten Drogen. Das Gift, meint er, mache halt vor keinen Grenzen Halt; es gebe sogar ein von der EU unterstütztes Methadonprogramm, nur hänge das das Regime nicht an die grosse Glocke. Da bin ich jetzt schon etwas baff. Ein Methadonprogramm, das hätte ich also nicht erwartet in der »letzten Diktatur Europas«.
Diese »letzte Diktatur« bekomme ich nach der Lesung gleich noch etwas näher vor Augen geführt. Zwei von den Sergeis und Rahneda, eine Verlegerin, schlendern mit mir zum Siegesplatz, wo wir auf die U-Bahn wollen, um zu jenem Dudelsackmusikanlass zu fahren. Der Platz, kreisrund und umschlossen von Gebäuden, die wie gewaltige gelbe Eistorten mit Sahnehäubchen aussehen, ist allerdings abgesperrt. Überall wehen rot-grüne Fahnen, die offiziellen Landesfarben und historisch das Symbol der russischen beziehungsweise sowjetischen Provinz Weissrussland. Am Obelisken und an der ewige Flamme in der Mitte des Platzes, die an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnern, bewegt sich auf beiden Seiten eine merkwürdige Prozession vorbei, bärtige Typen auf schweren Motorrädern im Schritttempo. Alle paar Meter halten sie an, und die, die gerade auf der Höhe der Flamme sind, steigen ab, um eine rote Rose vor der Flamme niederzulegen. Am Ausgang des Platzes ist ein Podium aufgebaut, auf dem Präsident Lukaschenka steht, lässig in Jeans und einem buntscheckigen Synthetik-Pulli wie aus dem Versandhauskatalog. Neben ihm ein Kind, ebenfalls wie aus dem Versandhauskatalog; Rahneda sagt, das sei Kolja, der fünfjährige Sohn Lukaschenkas, den der Vater zu seinem Nachfolger bestimmt habe.
Ein Biker mit schwarzgespritztem Wehrmachts-Stahlhelm auf dem Kopf, vielleicht der Leithammel, steigt eben zum Podium hoch und übergibt Lukaschenka offenbar ein Geschenk, es scheint eine Lederweste zu sein, wie er auch selber eine trägt. Dann bedeutet er dem Präsidenten, der die Weste gleich anzieht, er solle sich doch auf den heissen Stuhl setzen, der vor dem Podium steht. Lukaschenka tut überrascht und winkt erst ab, aber Kolja quengelt, und so setzt er sich dann doch hinter seinem Sohn in den Sattel. Verschmitzt lächelnd, gibt er ein paar Mal im Stand Gas. Was für ein Lärm. Dann klappt er den Ständer ein und fährt los, die ganze Bikermeute hinter ihm her. Erst jetzt, als die Truppe auf der Minsker Repräsentiermeile der goldenen Abendsonne entgegendonnert, sehe ich den Aufnäher hinten auf der Weste des Präsidenten: »Anarchy on wheels«.
Es dauert dann noch eine ganze Weile, bis wir in die U-Bahn kommen, und noch länger, bis wir unser Ziel erreicht haben, eine saftige, grüne Wiese irgendwo ausserhalb von Minsk. Hier und da stehen ein paar Tännchen, dazwischen brennt ein ziemlich grosses Feuer, um das vielleicht fünfzig junge Leute, die sich an den Händen halten, im Kreis tanzen. Der Mond geht eben auf, voll und weiss; es ist erstaunlich, wie elektrisierend so ein Dudelsack klingen kann, den ein Typ mit blonden Rastas bläst. Sergei, der Dichter, holt Schwarzbrot und Käse aus seiner Umhängetasche – um einen Boden zu schaffen für den Harelka, wie er sagt. Wir knabbern vom Brot und vom Käse. Mmh, Superkäse, ein weissrussischer Tilsiter, schmeckt mir fast noch besser als derjenige aus der Schweiz, den ich in Bern immer zum Frühstück verdrücke. Im Innern des Kreises aus Tänzern bemerke ich jetzt ein paar einzelne Tänzerinnen und Tänzer, mit Schals in den Händen. Rahneda erklärt, es handle sich um einen alten Volkstanz. Die Tänzer im Innern tanzten so lange alleine, bis ihnen jemand aus dem Kreis gefalle. Ihm oder ihr legten sie den Schal um den Hals, gäben ihr oder ihm einen Kuss und wechselten dann die Plätze, so fänden sich manchmal die unterschiedlichsten Paare.
So nach den Kleidern zu urteilen, gibt es in Minsk dieselben Szenen wie auch im Westen: Gruftis, Punks, Popper, dann eher so Alternative und Typen, die nur erdfarbene Kleidung tragen, sogar ein paar Hip-Hop-Mützen sehe ich herumwuseln hinter einem Gebüsch. Ich war vor meinem Abflug ja extra noch im H&M, damit ich dann hier ein bisschen flott-westlich rüberkomme, aber gegen die meisten sehe ich nun selbst aus wie das reinste Versandhauspaket. Ich frage Rahneda, wo in Minsk denn all die hippen Kleiderläden seien – und rechne mir im Kopf schon aus, dass ich da wohl deutlich günstiger an ein paar tolle Outfits kommen sollte als in der Schweiz. Rahneda lacht. In Minsk gibt es praktisch nur den staatlichen Kleiderladen Gum, der Berufskleidung, Pyjamas und schlecht sitzende Hemden verkauft. Gerade deshalb sind modische Klamotten hier unter den Jungen so ein Ding, sie holen sie sich aus dem Westen, aus Secondhandschuppen in Polen und Litauen. Sergei, der baldige Arzt, schraubt den Harelka auf. Nach dem Schluck aus der Flasche soll ich sofort mit dem Saft nachspülen. Mmh, lecker. Was ist denn das? Birkensaft?
Lukaschenka hat durchaus seine Anhänger in der Bevölkerung, auch eine Wirtschaftskrise bringt den nicht so schnell ins Wanken. In Weissrussland trennt das Volk traditionell ein tiefer Abgrund von seinem Regime. Schon unter den Zaren gab es die Haltung: Seien wir dankbar, dass sich das Väterchen um die schmutzige Politik kümmert, so können wir uns reinen Herzens ganz dem Privaten widmen. Eine organisierte, handlungsfähige Opposition existiert heutzutage kaum mehr. Die Köpfe sind im Ausland, wenn nicht überhaupt vom Erdboden verschluckt. Rahneda lehrt mich einen Trinkspruch: »Baichali!« Das habe Gagarin gerufen, als er seine Rakete gezündet habe: »Let’s drive!« – »Komm«, sagt sie, »gehen wir tanzen.«
Quallen vor Käsmu
Ich rieche die gebratenen Eierschwämme schon von der Veranda aus. Ich komme eben vom Meer, das Haar noch klitschnass, und als ich in die Küche trete, sehe ich sie nun endlich zum ersten Mal: Jaana, die ältere, estnische Autorin, die seit drei Tagen mit mir im Haus des estnischen Schriftstellerverbandes in Käsmu wohnt, bisher aber immer in ihrem Zimmer geblieben ist. »Oh, you make egg mushrooms with the traditional Gerstengrütze«, sage ich. Jaana hat die Pilze selbst gesammelt, im endlosen Kiefern- und Fichtenwald, der gleich hinter dem Küchenfenster beginnt, was mich an Rahneda in Minsk erinnert, die oft plötzlich stoppte, wenn sie mich herumfuhr, um in einem Waldstück schnell die Pilzlage zu prüfen. Ich schwärme Jaana dann auch ein bisschen von Minsk vor, besonders von jenem »bag-pipe-evening by a great fire«. Ich bin froh, mal wieder jemanden zu haben, mit dem ich mich in Brocken aus Englisch und Deutsch verständigen kann, denn Käsmu ist ein kleines Fischerdorf und mein Estnisch – abgesehen von »Piim« für »Milch« – praktisch inexistent. Seit einer Woche bin ich deshalb vor allem Zuhörer; ich höre dem Rascheln des Schilfgürtels zu, wenn ich am Sandstrand beim Ortsausgang in die schon recht kühle Ostsee eintauche, dem Hämmern der Spechte, wenn ich abends auf der Veranda rauche, und nicht zuletzt natürlich dem Quaken des kleinen Frosches, der mich jeden Morgen hinter dem Duschvorhang erwartet, obwohl ich ihn jeden Abend mit einem Plastikkübel ins Freie transportiere; da muss wohl irgendwo ein Loch sein in der Wand.
Dass Jaana ein bisschen Deutsch spricht, kommt daher, dass die estnische Bevölkerung bis 1945 aus deutschen Grossgrundbesitzern und ihren estnischen Angestellten bestand. Ein Deutscher soll auch die estnische Schriftsprache erfunden haben, und zwar erst vor etwa hundert Jahren; sie zeichnet sich insbesondere durch doppelte Vokale, gerne auch doppelte Umlaute aus. Mir kommt das alles ein bisschen finnisch vor, und gar nicht zu Unrecht, wie Jaana zwischen zwei Gabeln Grütze beteuert; das Estnische gehört ebenfalls zu den finno-ugrischen Sprachen.
»Ach Gott«, meint sie auf deutsch, als ich wieder von dem »bag-pipe-evening« in Minsk und dem »schönen Gemeinschaftsgefühl« dabei anfange. Ende der Achtziger- und zu Beginn der Neunzigerjahre habe auch sie mit Scharen von Begeisterten nach nationalen, ur-estnischen Wurzeln gesucht und sei im traditionellen Wickelrock aus Leinen herumgerannt. Davon sei sie freilich bald nach der Unabhängigkeit kuriert worden; der ganze nationale Krimskrams diene den meisten ja nur als Vorwand, um Geld zu scheffeln, und überhaupt sässen an den Schaltstellen von Kultur und Wirtschaft noch immer die, die schon unter den Sowjets das Sagen gehabt hätten. Resolut wäscht Jaana am Spülbecken ihren leergegessenen Teller. Irgendwie kommt es mir jetzt blöd vor, sie das zu fragen, was ich eigentlich wissen wollte: Diese Quallen, die da heute plötzlich im Meer waren, sind die giftig? Muss ich aufpassen?
Die Wüste hinter Nida
Ich fusse durch ein Gehölz am Rand des litauischen Badeortes Nida, da gable ich Rudi auf. Er kommt hinter einer Kiefer am Wegrand hervor, ein kleines, rundes Männchen mit abstehendem Haar, mit den Händen nestelt er noch am Reissverschluss seiner speckigen Jeans herum. Als er mich erblickt, verwirft er die Hände freudig vor dem Gesicht und ruft mir auf deutsch zu, ob ich aus Deutschland komme. Die Schweiz ist ihm dann ebenso recht; Hauptsache, es versteht ihn wieder einer, nicht wie in »Memel drüben« in seiner Billigunterkunft, wo man nur die Schultern zuckt, wenn er eine zweite Tasse Kaffee zum Frühstück haben möchte. Rudi bemerkt, dass ich beim Namen »Memel« die Stirn runzle, und da sprudelt sofort deutsche Geschichte aus ihm heraus: Alles hier sei einmal deutsch gewesen, die Kurische Nehrung, der Landarm, auf dem Nida liegt, genauso wie die Hafenstadt Klaipeda im Norden, die eben »Memel« geheissen habe. »Meine Mama hat ’45 von Memel fliehen gemusst. Deshalb wollte ich da schon lange hin. Und da habe ich dann Weihnachten dieses Angebot gesehen gehabt, für hundertneunzig Euro mit der Fähre von Saßnitz aus.« Ich sehe, dass Rudi die Schaufelzähne fehlen. Er hat auch ein paar Furunkel im Gesicht, an denen er sich zuweilen kratzt.
Beim Weitergehen, als sich die Kiefern langsam lichten, macht mich Rudi noch intimer mit seiner Familiengeschichte vertraut: Seine Mama ist gar nicht seine richtige Mama, sondern nur die Stiefmama. Er wohnt, obwohl schon fast fünfzig, noch immer bei ihr in Eisenach, wohin er mich auch gleich einlädt. Er ist nämlich Fremdenführer in Eisenach, und da könnte er mir dann dort schön die Wartburg zeigen. »879 Stufen hat die Wartburg!«, ruft er aus. Und obwohl er schon bald keucht, als ob er diese Stufen erklömme, weil unser Weg jetzt steil bergauf führt und immer sandiger wird, gibt er weiterhin wie ab Kassette touristische Informationen über Thüringen von sich. »Luther war vom 31. Juli 1521 bis zum 2. Mai 1522 auf der Wartburg«, schnauft er etwa. Oder: »Eisenach hat fünf Jugendherbergen, die Nachbargemeinde, Bad Salzach, hingegen nur eine.«
Thüringen mag ja ganz schön sein, denke ich bei mir, aber die Gegend hier ist also auch nicht ohne. Wir sind jetzt nämlich auch schon am Ziel unseres Weges, auf dem Rücken der Grossen Düne am Ortsausgang von Nida, und vor uns erstreckt sich nichts als Sand, Sand, rechts und links Meer und dazwischen ein etwa zwei Kilometer breiter Streifen aus Sand, der sich Richtung Süden am Horizont verliert, irgendwo da muss die Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad sein. Ich fühle mich wie in der Sahara, obwohl ich da noch nie war. Rudi fragt, was denn da so komisch schwarz glitzert, gleich da drüben hinter den Büschen.
Es ist eine riesige Sonnenuhr aus schwarzem Marmor, die da jemand auf dem Rücken der Düne hingebaut hat. Sie misst etwa zwanzig Meter im Durchmesser, die Steinsäule, die mal in der Mitte stand, ist umgefallen und mit Runeninschriften bedeckt. Selbst in Rudis Reiseführer steht nicht, was es mit der Sonnenuhr auf sich hat, aber da kommt gerade einer auf einem Klapprad angeradelt, dem Rudi auf deutsch zuruft, ob er vielleicht wisse, was das für ein Bauwerk sei. Der Radler weiss es auch nicht, ist aber Deutscher, Herbert aus Kiel. Herbert ist mir von Anfang an nicht sehr sympathisch, gross, hager, mit Protzuhr, ein Dörrpflaumengesicht, das aus Windjacke und weissen Seglerhosen stiert. Am liebsten wäre ich jetzt allein mit meinem Saharagefühl, aber da schleppt Rudi Herbert auch schon an, um uns bekannt zu machen. »Ach, ein Schriftsteller?«, säuselt Herbert und zieht so komisch die Augenbraue hoch. »Da sind Sie wohl hier in Nidden, um sich Thomas Manns Ferienhaus anzuschauen, was?«
Ausgerechnet jetzt fällt Rudi ein, dass er ja sofort zurück muss, damit er seinen Bus nach »Memel« noch kriegt. »Salü, Schweizer, komm nach Thüringen!«, ruft er mir zu, als er durch den Sand davonwatet. Super, jetzt habe ich Herbert allein am Hals. Rudi verschwindet hinter dem Dünenkamm, und da meint Herbert, er müsse nicht hinter dem Berg halten mit seiner Meinung über Thomas Mann, der sich von seinem Nobelpreisgeld hier ein Häuschen bauen liess, das ein paar Jahre später Hermann Göring gehörte: Die Manns, schnarrt Herbert, das sei ja eine »durch und durch verrottete Familie«, die hätten sich »mit minderwertigem Blut gemischt«. »Und was war die Folge? Die Kinder alles Irrsinnige, verkommen, schwul!« Und auch sein, Herberts, eigener Sohn tue so schwul, seit er in der Schule Thomas Mann gelesen habe; »ich muss dem wohl mal noch zeigen, was ein rechter Besamer ist!« – Ich gebe vor, mal hinter die Büsche zu müssen, und hoffe, dass mir Herbert nicht folgt. Als ich auf der anderen Seite bin, hoppelt gerade ein Feldhase weg. Er flieht nicht wild und hakenschlagend. Er macht einfach gemächlich ein paar Sprünge Richtung Süden, Richtung russische Grenze, bis er ausser Sichtweite ist. Ich folge ihm.








